Freude ist da, wo du bist: zu Haus!

Mittlerweile hat es, man sieht es an meinen vielen Beispielen, auch die Werbung mitbekommen. Wenn wir gerade nicht spazieren, shoppen oder in Nickelsdorf an der Grenze zur Einreise nach Österreich warten, sind wir ständig zu Hause. Die Werbung versucht uns das Heim mit den eigenartigsten Sprüchen schmackhaft zu machen. So auch die Möbelfirma mit einem alpinen DJ aus Maturareise-Zeiten (ohne Zwei-Meter-Abstände) und Neon-Leuchtstangen (bitte, ich könnte sie für unser Taekwondo-Stock-Training gebrauchen), wo es da heißt: „Freude ist da, wo du bist: zu Haus‘!“ und „Zusammen in der Küche kochen ist auch sehr nett!“ Ja, sehr.

Auch im Fernsehen: um 14 Uhr nachmittags CSI: NY/LA/Vegas und neu CSI Cyber. Als ich neben dem Studium auf Kongressen im Austria Center arbeitete, begannen unsere Arbeitstage sehr zeitig, gegen 6:30. Also etwa fünf Stunden vor meiner üblichen Morgenroutine. Dementsprechend verwirrt stolperte ich in den Eingangsbereich. Ich war für eine Personalfirma mit drei Buchstaben tätig. Der Security im Austria Center hielt mich auf. Ich erklärte, vollkommen überzeugt: „Ich bin von CSI“, was erstaunlicherweise auch ihm logisch erschien (wahrscheinlich war er genauso unausgeschlafen) und er ließ mich vorbei. Mir dämmerte erst Minuten später, was ich gesagt hatte.

In einer dieser Serien (Navy CIS diesmal) heißt es um zwei Uhr nachmittags beiläufig: „Ich will noch andere Gründe wissen, warum ihm die Hände abgehackt wurden.“ Ja, wer will das nicht? Es kann ja nicht nur einen Grund dafür geben! Mahlzeit, falls man gerade beim Mittagessen ist. Es beruhigt, dass solche Inhalte zum Nachmittagsprogramm gehören, während nackte Hintern und ganze Menschen (ohne abgehackte Teile) heutzutage ganz allgemein nicht einmal mehr spät nachts im Fernsehen zu sehen sind. Außer in Independent-Produktionen, die es nur in Kombination mit halbstündigen Küchen-Schreianfällen auf Französisch gibt oder – auf der ganz anderen Seite des Spektrums –Bridgeton-Shades-of-Grey-Zuckerwatte-Softpornos.

Dank Homeoffice kann man praktischerweise in der Mittagspause Bildschirmpause machen und den Fernseher einschalten. Aber nur dann, wenn man auch ein Homeoffice hat. Wie gefällt euch Heimbüro? Ich bin für Vorschläge offen, machen wir es wie die Franzosen und deutschen alles ein.

Zwei nette, junge Damen meinten in Hinblick auf ihr Studium ab Herbst in der Straßenbahn zum Thema Kein-Homeoffice-Haben: „Ich will jetzt auch nicht so lange unemployed sein. Busy as usual unemployed, haha.“ Sie bekam einen Lachanfall. Wunderschön, besser könnte man es nicht sagen. Ja, unemployed klingt viel mehr trendy als arbeitslos. Wobei das deutsche Wort für busy sowohl „keine Zeit“-beschäftigt, als auch „bei einem Arbeitgeber beschäftigt“ bedeuten würde. Mit dem Anglizismus wurde aber diese doppelte Bedeutung sprachlich ins Jenseits geschreddert.

Die sympathische junge Dame erzählte dann noch, sie hatte ihren Umzug (in ein Zimmer in Studenten-WG und ohne Möbel) unglaublicher Weise an einem Tag erledigt, nicht so wie andere, denn sie „habe andere Prioritäten!“ Unschuldige Passanten nervende Dinge in der Straßenbahn anhören lassen zum Beispiel.

Zurück ins Homeoffice, in dem wir nicht nur nett kochen und Lieder singen, sondern vor allem auf Bildschirme starren. Und genau dafür hat eine Brillenfirma jetzt eine Werbung in ihrer Auslage platziert:

„Homeoffice-Brillen -50 %“

Was genau sind bitte Homeoffice-Brillen? Extra hässliche Brillen für zu Hause, wo mich mein heißer Bürokollege nicht sehen kann? Oder besonders viele Dioptrien, inklusive KURZ- und Weitsicht-Gläser für unsere ausgedehnte Bildschirmzeit? (Blümel braucht zum Glück keine.)
Handy, Computer, Handy, Fernseher, Computer, Handy, Bildschirme in Öffis, eBooks, Pressekonferenzen, fünf Folge-Satirevideos um sie zu verarbeiten. Spoiler: Ja. Ein Blick auf die Homepage, huch wie altmodisch, Website, verrät: gemeint sind – jetzt kommen schöne Komposita – BILDSCHIRM-ARBEITSPLATZBRILLEN INKL. BLAULICHTFILTER & MULTIKOMFORT-GLÄSER. Also doch auch ein bisschen hässlich zum Zwecke des Multikomforts.

Satire rettet uns momentan durch die Tage und ich danke vor allem Alex Kristan für sehr schöne Wortspiele und Gernot Kulis für die Tränen, die ich lache bei „Schmähhammer, Wahnschober und Co. im Ministerium für Irreres„.

Ich erhielt vor ein paar Tagen einen von zirka sieben täglichen Kurier-Newslettern bei Mail. Ich habe bereits mehrmals versucht, ihn abzubestellen, aber hier verhält es sich wie bei den echten Abos: einmal Abonnent, immer Abonnent. Abbestellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe aufgegeben. So lautete der Text im ++++++ Newsletter-Mail +++++++:

„Studie: Brillenträger stecken sich seltener mit Covid-19 an (Oha! Ich möchte jetzt doch auch eine Homeoffice-Brille um -50 %) + Biontech-Vakzin für Kinder ab 5? (Ist das noch die selbe Studie?)
Die Infektionszahlen verharren auf hohem Niveau. Pro Kopf dürften die Staatsschulden 4.000 Euro pro Kopf betragen.“

Danke für diese Zusammenfassung und die gelungenen Übergänge.

Doch wie Zlatan Ibrahimović auf dem italienischen 5-Tage-Musikfestival Sanremo in einer etwas wirren, pädagogisch-philosophischen zehnminütigen (!) Rede an ein Publikum von (bald mit Bointech durchgeimpften) Dreijährigen beruhigend auf Italienisch (mit einem nicht-sehr-schwedischen Akzent) meinte: „Wenn Zlatan Fehler macht, kannst auch du Fehler machen.“

Mit diesen Worten wünsche ich eine schöne Woche, viel Spaß mit euren Neonstangen, Koch-Abenden, CSI-Folgen und multikomfortablen Fußballern.

Barbara

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