Sprachlich Kurioses zum Lachen oder Weinen

Sprachlich Kurioses zum Lachen oder Weinen

Freude ist da, wo du bist: zu Haus!

Mittlerweile hat es, man sieht es an meinen vielen Beispielen, auch die Werbung mitbekommen. Wenn wir gerade nicht spazieren, shoppen oder in Nickelsdorf an der Grenze zur Einreise nach Österreich warten, sind wir ständig zu Hause. Die Werbung versucht uns das Heim mit den eigenartigsten Sprüchen schmackhaft zu machen. So auch die Möbelfirma mit einem alpinen DJ aus Maturareise-Zeiten (ohne Zwei-Meter-Abstände) und Neon-Leuchtstangen (bitte, ich könnte sie für unser Taekwondo-Stock-Training gebrauchen), wo es da heißt: „Freude ist da, wo du bist: zu Haus‘!“ und „Zusammen in der Küche kochen ist auch sehr nett!“ Ja, sehr.

Auch im Fernsehen: um 14 Uhr nachmittags CSI: NY/LA/Vegas und neu CSI Cyber. Als ich neben dem Studium auf Kongressen im Austria Center arbeitete, begannen unsere Arbeitstage sehr zeitig, gegen 6:30. Also etwa fünf Stunden vor meiner üblichen Morgenroutine. Dementsprechend verwirrt stolperte ich in den Eingangsbereich. Ich war für eine Personalfirma mit drei Buchstaben tätig. Der Security im Austria Center hielt mich auf. Ich erklärte, vollkommen überzeugt: „Ich bin von CSI“, was erstaunlicherweise auch ihm logisch erschien (wahrscheinlich war er genauso unausgeschlafen) und er ließ mich vorbei. Mir dämmerte erst Minuten später, was ich gesagt hatte.

In einer dieser Serien (Navy CIS diesmal) heißt es um zwei Uhr nachmittags beiläufig: „Ich will noch andere Gründe wissen, warum ihm die Hände abgehackt wurden.“ Ja, wer will das nicht? Es kann ja nicht nur einen Grund dafür geben! Mahlzeit, falls man gerade beim Mittagessen ist. Es beruhigt, dass solche Inhalte zum Nachmittagsprogramm gehören, während nackte Hintern und ganze Menschen (ohne abgehackte Teile) heutzutage ganz allgemein nicht einmal mehr spät nachts im Fernsehen zu sehen sind. Außer in Independent-Produktionen, die es nur in Kombination mit halbstündigen Küchen-Schreianfällen auf Französisch gibt oder – auf der ganz anderen Seite des Spektrums –Bridgeton-Shades-of-Grey-Zuckerwatte-Softpornos.

Dank Homeoffice kann man praktischerweise in der Mittagspause Bildschirmpause machen und den Fernseher einschalten. Aber nur dann, wenn man auch ein Homeoffice hat. Wie gefällt euch Heimbüro? Ich bin für Vorschläge offen, machen wir es wie die Franzosen und deutschen alles ein.

Zwei nette, junge Damen meinten in Hinblick auf ihr Studium ab Herbst in der Straßenbahn zum Thema Kein-Homeoffice-Haben: „Ich will jetzt auch nicht so lange unemployed sein. Busy as usual unemployed, haha.“ Sie bekam einen Lachanfall. Wunderschön, besser könnte man es nicht sagen. Ja, unemployed klingt viel mehr trendy als arbeitslos. Wobei das deutsche Wort für busy sowohl „keine Zeit“-beschäftigt, als auch „bei einem Arbeitgeber beschäftigt“ bedeuten würde. Mit dem Anglizismus wurde aber diese doppelte Bedeutung sprachlich ins Jenseits geschreddert.

Die sympathische junge Dame erzählte dann noch, sie hatte ihren Umzug (in ein Zimmer in Studenten-WG und ohne Möbel) unglaublicher Weise an einem Tag erledigt, nicht so wie andere, denn sie „habe andere Prioritäten!“ Unschuldige Passanten nervende Dinge in der Straßenbahn anhören lassen zum Beispiel.

Zurück ins Homeoffice, in dem wir nicht nur nett kochen und Lieder singen, sondern vor allem auf Bildschirme starren. Und genau dafür hat eine Brillenfirma jetzt eine Werbung in ihrer Auslage platziert:

„Homeoffice-Brillen -50 %“

Was genau sind bitte Homeoffice-Brillen? Extra hässliche Brillen für zu Hause, wo mich mein heißer Bürokollege nicht sehen kann? Oder besonders viele Dioptrien, inklusive KURZ- und Weitsicht-Gläser für unsere ausgedehnte Bildschirmzeit? (Blümel braucht zum Glück keine.)
Handy, Computer, Handy, Fernseher, Computer, Handy, Bildschirme in Öffis, eBooks, Pressekonferenzen, fünf Folge-Satirevideos um sie zu verarbeiten. Spoiler: Ja. Ein Blick auf die Homepage, huch wie altmodisch, Website, verrät: gemeint sind – jetzt kommen schöne Komposita – BILDSCHIRM-ARBEITSPLATZBRILLEN INKL. BLAULICHTFILTER & MULTIKOMFORT-GLÄSER. Also doch auch ein bisschen hässlich zum Zwecke des Multikomforts.

Satire rettet uns momentan durch die Tage und ich danke vor allem Alex Kristan für sehr schöne Wortspiele und Gernot Kulis für die Tränen, die ich lache bei „Schmähhammer, Wahnschober und Co. im Ministerium für Irreres„.

Ich erhielt vor ein paar Tagen einen von zirka sieben täglichen Kurier-Newslettern bei Mail. Ich habe bereits mehrmals versucht, ihn abzubestellen, aber hier verhält es sich wie bei den echten Abos: einmal Abonnent, immer Abonnent. Abbestellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe aufgegeben. So lautete der Text im ++++++ Newsletter-Mail +++++++:

„Studie: Brillenträger stecken sich seltener mit Covid-19 an (Oha! Ich möchte jetzt doch auch eine Homeoffice-Brille um -50 %) + Biontech-Vakzin für Kinder ab 5? (Ist das noch die selbe Studie?)
Die Infektionszahlen verharren auf hohem Niveau. Pro Kopf dürften die Staatsschulden 4.000 Euro pro Kopf betragen.“

Danke für diese Zusammenfassung und die gelungenen Übergänge.

Doch wie Zlatan Ibrahimović auf dem italienischen 5-Tage-Musikfestival Sanremo in einer etwas wirren, pädagogisch-philosophischen zehnminütigen (!) Rede an ein Publikum von (bald mit Bointech durchgeimpften) Dreijährigen beruhigend auf Italienisch (mit einem nicht-sehr-schwedischen Akzent) meinte: „Wenn Zlatan Fehler macht, kannst auch du Fehler machen.“

Mit diesen Worten wünsche ich eine schöne Woche, viel Spaß mit euren Neonstangen, Koch-Abenden, CSI-Folgen und multikomfortablen Fußballern.

Barbara

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Von praktischen Germanismen und der wunderlichen Werbesprache

Heute bin ich an dem Werbeschild einer Partei vorbeispaziert, das mich grausen ließ (nicht wegen seines Inhalts):

Frauen.
Krisenmeisterinnen.

Gut, bis dahin können wir das unterstützen. Auch wenn das Wort Krise aktuell doch etwas inflationär verwendet wird. „Es kriselt“ ist ein sympathisches Verb dazu. „Es kriselt“ als Umschreibung für „Wenn er/sie noch einmal so laut atmet/das Handtuch hinwirft/auf die Gabel beißt/den Fernsehkanal wechselt (und so weiter), rast‘ ich aus.“

Ausrasten ist hier übrigens das genaue Gegenteil von sich ausrasten. So wie umfahren und um-fahren gegenteilig sind. Die Präfixverben des Deutschen haben es in sich.

Doch der Werbespruch geht leider weiter.

Frauen.
Krisenmeisterinnen.
Seit immer.

In mir zieht sich etwas zusammen. Seit? Seit immer? Was ist mit „schon immer“, „immer schon“, „seit der Eiszeit“ usw.? Seit immer. Das ist eine sehr unschöne Umschreibung. Unschön und unsinnig.

Das klingt eher nach Pausenhof in der Schule (gibt es die noch oder wurden sie irgendwann wie das Rauchen für Schüler abgeschafft, weil zwecklos?). „Seit wann stehst du auf Mirko?“ (Wir hätten noch – ungeniert rauchend – „auf DEN Mirko“ gesagt, die Jugendlichen von heute haben diese Artikel vor Namen aber mit ihren Socken gemeinsam abgeschnitten) Antwort: „Seit immer!“ Das ist irgendwie wildromantisch und passt zum Zeitgefühl von Schülern.

Aber auch andere Werbungen sind nicht so schön. Man erinnere sich an „Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“ Nun sprang noch eine weitere (Möbel-)Firma auf diesen (in den Abgrund) fahrenden Zug auf und sie legt einen drauf mit: „Damit zu Hause auch dein Zuhause ist.“ Ja. Ähm. Wie?

Wenn ich zu Hause sage oder denke (gut, spielen wir mit der Gefühlsebene: fühle), kann ich dann einen Ort meinen, der nicht mein Zuhause ist? Vielleicht in einer Welt der Bill Clinton- und Überhaupt-nicht-von-Tirol-nach-Deutschland-außer-unter-diesen-strengsten 71-Ausnahmen-doch-Paradoxons.

Man ist also nach dem Kauf von Möbeln dieses Möbelhauses zu Hause und gleichzeitig auch nicht. Ob man das will, ist eine andere Frage.

Vielleicht sitzen auch Bill, Monica und ein Bayer auf dem neuen Ecksofa zu Hause. Und nicht.

Apropos zu Hause: Bei den langen Winterabenden bietet sich der Verzehr von Keksen an. Lustigerweise gibt es englische Kekse, auf deren Packung decadent cookies steht. Eine sehr interessante Beschreibung!

„Die Kekse waren heute wieder einmal so dekadent!“

Zu dekadent passt auch unser aus dem Englischen eingebürgerte „Snob“. Interessant wird es jetzt, wenn ein Germanismus im Kroatischen im Deutschen mit einem Anglizismus übersetzt wird! Verwirrt? Kein Wunder!

Ein Freund von mir sieht eine kroatische Serie namens „The Paper“ mit deutschen Untertiteln. Es wird in einer Folge gesagt: „Oh, ja, der Kunsthändler und Snob.“ (Schon bei dieser klischeehaften Kombination muss man irgendwie lachen.) – „Genau der.“ Nur, dass im Original im Kroatischen nicht „Snob“ gesagt wird, sondern der Germanismus Hohštapler.

Genau der! Eigenartigerweise wird er aber dann im Deutschen zum Snob.

Ich habe noch mehr Germanismen in der Keksdose. Eines der Nr. 1-Diskussionsthemen sind die Ski-Pisten. Und ein witziger Germanismus hat es diesbezüglich auch ins Französische geschafft:

„Je descends les pistes tout schuss.“ – „Ich fahre die Pisten im Schuss runter.“ Schön wäre es.

Kürzlich hörte ich übrigens bei einem kritisierten TED-Talk in dem YouTube-Video eines Meditations-Gurus…

(Ich brauche ihn leider, ommmmm inhaleeeeeeeee and exhaaaaaaaale, so weit ist es gekommen. Wenn ich noch einmal spazieren gehen muss, raste ich gemeinsam mit dem Kolumnisten des Standards aus und gehe mit diesem Christian wutwandern.)

„In German they have a word for it. They call it the Umwelt.“ Von da an sagte und schrieb dieser Redner andauernd Umwelt und kam sich sehr „gescheit“ dabei vor. Obwohl dafür überhaupt kein Germanismus notwendig wäre.

Ein Trost also. Nicht nur wir haben haufenweise unnötige (ich schätze die, die die Sprache bereichern sehr!) Anglizismen.

In den letzten Jahren bekommen es die Nordamerikaner zurück und werden mit „acho-so-intellektuell-witzigen Germanismen“ überschwemmt.

Aber auch den anderen Sprachen geht es nicht viel besser. In einem portugiesischen Artikel über Corona-Paare (hüstel) steht: „Foi um match num timing fantástico“, conta Patricia. „Es war ein Match mit einem fantastischen Timing“, erzählt Patrizia (okay, Patricia).

Doch es gibt Trost: (in der ZIB zum Thema Kosovo gehört)

„Kurti verspricht einen umfassenden Plan gegen die Korruption.“

Danke, Kurti.

Bitte gib uns auch einen Plan gegen die Corona-Krise, damit wir nicht mehr, gefühlt „seit immer“ zu Hause und in unserem Zuhause wutwandern, arbeiten, dekadente Kekse essen und meditieren müssen.

Ich meditiere übrigens für die Liebe und erhalte seitdem ständig Jobangebote. Tipp eines Freundes: Vielleicht sollte ich für Jobangebote meditieren. Wer weiß, wer oder was dann kommt!

Bill, bist du’s?

PS: Ich gehe natürlich entgegen meiner Drohungen (wem drohe ich damit überhaupt?) trotzdem spazieren, denn momentan heißt es: Mit-Maske-vor-Geschäft-Schlange oder Spazieren die 287846ste. Heute versuchte ich es mit den Blumengärten in Hirschstetten und sie waren zu meiner riesigen Freude: zu. Die Sitzbank davor tat es dann bei angenehm milden null Grad auch. Man könnte fairerweise auch die Bundesgärten wieder zusperren.

Ich vermisse dich.

Du likest Weihnachten?

Du likest Weihnachten?

Von un-weihnachtlichen Werbungen, un-kultigen Kultursendungen und davon, was auch in anderen Sprachen alles kaputt gehen kann

Ob im Radio (ich höre seit Jahrzehnten fast nur Gerda Rogers‘ Sternstunden, bei denen es zum Glück keine Werbung gibt) oder vor YouTube-Videos: Werbesprüche erreichen unsere empfindlichen Ohren.

Leider auch diese zwei Perlen, bei denen es nicht hieß „Bei einem Ohr ‚rein, beim anderen raus“, sondern: *graus*. (Ihr verzeiht die ö3-Chattersprache passend zum Thema.)

„Du likest Weihnachten? Du likest Online-Shoppen?“

Sowohl inhaltlich (Weihnachten => Online Shoppen, liebreizend) als auch sprachlich (Social-Media-Denglisch) versetzt mich diese Werbung nicht ins adventhafte Frohlocken.

Ähnlich anspruchsvoll und ansprechend fand ich auch die nächste Werbung:

„Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“

Sollte es zu Hause auch daheim heißen? Kann man daheim (nicht) zu Hause sein? Oder eher zu Hause nicht daheim?

Zumindest wurden keine Anglizismen randomly hineingeworfen.

Während einem meiner Lockdown-Spaziergänge mit einer Freundin, die Englisch unterrichtet (expert), versuchten wir, festzustellen, wann Anglizismen stören und wann sie unsere Sprache bereichern. Es trifft, und das gilt für alle Sprachen, das zu, was auch kürzlich ein Germanistikprofessor zu dem Thema sagte: Wenn es keine (passende) deutschsprachige Entsprechung gibt. Das heißt: Wenn uns das Wort in unserer Ausdruckweise bereichert. Das ist natürlich teilweise subjektiv. Aber „Ich muss ‚was announcen.“ und „Likest du Weihnachten?“ ist nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv grässlich.

Es gibt aber auch Erheiterndes in den Medien. Wie der Postillon-Artikel entrüstet zum Thema korrekte Sprache satirisch betitelte: „Weihnachtsreifen heißen jetzt plötzlich Winterreifen.“

Englisch. Die meisten werden während des Schulunterrichts mit der listening comprehension gequält worden sein. Rauschen, Dialekte, Nuscheln, Straßenlärm, Sich-gegenseitig-Unterbrechen und schnellgesprochene Halbsätze: eine etwas zu authentische Hörsituation. Der Traum eines jeden Lernenden. Doch ich kann jene, die ein Trauma davongetragen haben, beruhigen: Es ist nicht besser geworden. Die Qualität ist dank der neuen Medien zwar besser, zu leise aber meist immer noch. Und die Fragen wurden dafür umso verstörender. Bei den letzten eigenen Sprach-Prüfungen hatte ich das erneute Vergnügen mit dieser Foltermethode.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Taiwanesisch-Lerner. Sie hören bei der Prüfung ein taiwanesisches Radiointerview. Der Befragte, ein Experte für Landwirtschaft, erzählt von siebzehn Schafen auf einer Weide (Sie klopfen sich stolz auf die eigene Schulter, das Vokabel Weide wurde verstanden, check), die im Herbst in die Stallungen geführt und vom Tierarzt untersucht werden.

Konzentriert und aufgeregt hören Sie dem sechsminütigen (klingt wenig, ist aber auf Taiwanesisch viel) Gespräch zu. Um rasch die Fragen dazu zu beantworten. Nun kommen die Fragen zu diesem Teil und sie lauten (wir denken konzentriert an die Schafe beim Tierarzt):

„Mit welchem Adjektiv würden Sie die dritte Frage des Interviewers beschreiben?“

„Könnte eine Kuh im Nebenstall gewohnt haben?“ (Es gibt nur eine richtige Antwort.)

und:

„An welche Romanfigur denkt der Landwirt bei seinem Lieblingsschaf nicht?“

Willkommen bei der Hörkompetenz und ich gratuliere hiermit allen Menschen, die je offizielle Sprachprüfungen ablegen mussten.

Deshalb ist auch das Telefonieren in der Fremd- oder Zweitsprache die schwierigste Art der Kommunikation. Körpersprache und Mimik fehlen und es gibt akustische Störfaktoren. Schon in der selben Muttersprache (= Erstsprache) kommt es oft zu Missverständnissen, wie uns in der Straßenbahn oft geräuschvoll und wiederholt mitgeteilt wird.

Deshalb gibt es zum Buchstabieren auch die Buchstabiertafel. Zum Ansagen der „bemmischen“ (böhmischen) Nachnamen zum Beispiel. Grundsätzlich gut, aber: Nur, wenn man die Tabelle kann oder weiß, dass sie existiert. Es wurde schon öfter von dem netten unterbezahlten Callcenter-Herren (ich gebe zu, es sind meist Damen) in Polen, Holzhausen oder vielleicht Mistelbach „Barbara Dora Victor Oran“ und ähnlich Sinnloses notiert.

Ein Freund schickte mir den Artikel „Buchstabiertafel wird geändert“. Ich war sofort dagegen. Wie alle, lese ich am liebsten nur Überschriften.

Ich mag nämlich grundsätzlich keine Veränderungen. Ich like sie nicht, wie man sagt. Auch nicht daheim und auch nicht zu Hause, was etwas völlig anderes ist.

Dann las ich aber doch nach und erfuhr, was ich nicht gewusst hatte, dass während der Nazi-Zeit die Buchstabiertafel geändert wurde und jüdische Namen ersetzt wurden. Mir kamen ehrlich gesagt Dora (wer heißt Dora? Dieser Fisch von Nemo?) und Nordpol (ich kenne höchstens einen Restaurantbesitzer mit dem Namen), beide D und N umranden meinen Nachnamen, immer schon komisch vor.

David und Nathan sind viel schöner und NAMEN, im Gegensatz zu Nordpol, Zürich und Co. Interessanterweise unterscheiden sich auch die Buchstabiertafeln von Österreich, Deutschland und der Schweiz untereinander (der Callcenter-Junge in Holzhausen hat also eine Ausrede).

Also: entweder nur Namen oder gleich Städte. Stadt-Land-Fluss spielende Freistunden-Schüler helfen gerne aus.

Mit Schülerinnen und Schülern lässt sich in großen Klassen gut spielen: Jede/r ist ein Buchstabe und sie stellen sich in der Reihenfolge der Wörter, die ein Kind tabellenbuchstabieren muss, auf. Kann auch mit Katzen, Wichteln, Pünschen oder Weihnachtsverwandten gespielt werden, falls genug vorhanden.

Während der Corona-Bestimmungen kommt es zu vielen Meldungen darüber, wie viele Feiernde zugelassen sind. Trost ist: es geht allen weltweit gleich. Letzte Woche las ich bei einer portugiesisch-sprachigen Freundin:

„Zu Weihnachten dürfen neun Leute ohne Probleme eingeladen werden.“

– Finde einmal neun Leute ohne Probleme.

Schön, dass der etwas belämmerte (Thema Schaf), aber trotzdem lustige Witz auf Portugiesisch und auf Deutsch geht: sem problema.

Aus dem Portugiesischen kommt übrigens sprachlich recht wenig, wir sind leider doch weit voneinander entfernt, aber etwas Bedeutsames: unsere Marmelade nämlich, pt. marmelo (Honigapfel/Quitte).

Doch auch die portugiesisch-sprachigen Länder haben nicht allzu viele Germanismen. Dafür aber den Hamster, o hamster. Wir haben auf Deutsch auch das Verb dazu: „hamstern“ – und im Corona-Jahr ganz ganz wichtig: Hamsterkäufe. (Würde ich jetzt zwei Hamster kaufen, wären es auch Hamsterkäufe trotz der niedrigen Hamsterzahl, was sich dann aber schnell ändern könnte.)

Coronasprache. Gestern stand im ORF-Teletext (grundsätzlich Lob für das Thema Sprache): „Corona verändert Wortschatz (haben wir hier bereits festgestellt). Kein anderes Thema hat den Wortschatz heuer derart stark geprägt. 1.000 neue Wörter und Wortverbindungen hat das Leibnitz-Institut für deutsche Sprache gesammelt.“ Sehr interessant! Eigenartig finde ich den Zusatz „heuer“, wichtiger wäre doch der Vergleich zu anderen Jahren und Ereignissen.

Welche Sender schauen wir außer ORF? Arte. Arte? Arte hat den Ruf, ein Kultursender zu sein. Kürzlich starb Diego Maradona. Also sendete Arte zwei Reportagen dazu. Ich habe nur einen kurzen Teil der ersten aus dem Jahr 2006 gesehen. Mich überkam ein ähnlich warmes, behagliches, wohlig schönes Gefühl wie bei dem Liken von Online-Shoppen. Ein „lustig-zynisch-keine-Beziehung-zu-Fußball-habender“ Sprecher sagte zu Maradonas Erfolg bei Napoli:

„Endlich haben die einfachen Süditaliener, die Terroni

– wortwörtlich Erdmenschen/Erdfresser, diskriminierender Begriff, verwendet von Norditalienern der ganz rechten Seite, nicht die rechte Seite am Fußballplatz ist gemeint (kann im Spaß als Schlagabtausch zwischen Italienern vielleicht verwendet werden, das war’s dann auch) –

… jemanden zum Anhimmeln gefunden.“

Danke Arte für diese kulturell tiefschürfenden Erkenntnisse. Sie erinnern an eure großartige, geschmackvolle „Love Rituals“-Reihe mit der gebildeten Kultur- und Sexexpertin Charlotte Roche in Israel, Japan und anderen Ländern.

Es ging beim Thema Maradona noch weiter. Thema Gewalt am Fußballplatz:

„(…) Gewalt, die für Südamerika, wo Armut und Chaos Hand in Hand gehen, so typisch ist.“

Ein schönes sprachliches Bild, in dem Armut und Chaos Hand in Hand gehen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Ich gehe auch gerne Hand in Hand mit dem Chaos, hebräisch balagan, das seinen Ursprung übrigens wiederum in der mittelalterlichen Unterhaltungsform der Commedia dell’arte hat.

Zu guter Letzt ein erheiternder Germanismus im Englischen, den ich netterweise erhalten habe. Ich finde übrigens natürlich, es gibt auch schöne Anglizismen im Deutschen.

„The washing machine is suddenly kaput.“ 🙂

Oder auch: „Her marriage went kaput.“

Ganz selten lässt sich sogar das Wortbildungsprodukt kaputness finden! Great.

„The latest celebrity schism moved further toward official kaputness when Carmen Electra filed for divorce from rocker Dave.“

Gerade in enden-wollenden Beziehungen (zwischenmenschlich oder mit Waschmaschinen) dürften sich kaput und die kaputness bewähren.

Kurz vor dem Ende: Falls es hebräisch-studierende Japanologen unter euch gibt: Ich hörte in der Serie das Wort muzukashii (難しい), schwierig, auf Japanisch und es erinnerte mich sehr an hebräisch schwierig: kashe (קָשֶׁה).

Woraufhin ich mich in spannenden Blogs zur japanischen Sprache verlor und sah, es gab vielleicht (wenig aber doch) Einflüsse aus dem Hebräischen. Ob es Zufall oder Verwandtschaft ist?

Ich werde es wohl nie erfahren. Ich habe dafür aber sehr interessante Seiten zu dieser aufregenden Sprache gefunden, falls jemand in Nach-Lese-Stimmung ist:

Ein Blog zum Japanisch- und Kanji-Lernen.

Die Japantimes zum Thema Sprache,

und: Judaism & Japanese Culture, und noch ein Blogeintrag zu allen Ähnlichkeiten und dieser Theorie.

Ich hoffe, ihr habt die heutige Lektüre geliket. Geliked. Geleikt. G’leigt … und wünsche eine wunderschöne Woche.

Barbara Berta Anton Richard

Tokio 2019