Made in Austria: Warum man auch mit Worten nicht urassen soll

Made in Austria: Warum man auch mit Worten nicht urassen soll

Plus: Trick 17 als Life Hack

Das Wort ursassen (verschwenden, vergeuden) hört man in Österreich meistens in diesem Satz und in ganz verschiedenen dialektalen Ausformungen: „Geh, tu ned so urassen.“ Ụrassen mit Betonung auf u und gothischer Herkunft: ufarassjan. Es verbindet sich scheinbar gerne mit „tun“. „Urasse nicht, mein Kind!“ ist uns viel zu wenig umgangssprachlich. Jesus könnte es aber auch so in der Art gesagt haben, nachdem er extra am See See Genezareth (ich war dort, er ist wunderschön und spirituell, allerdings später) Fisch und Brot im Rahmen der Initiative „Wundersame Brotvermehrung“ an mehrere tausend Menschen verteilte.
Auch jetzt, wenn auch in Wien viele Menschen während des Ramadans fasten, ein wichtiges Thema, dankbar für das zu sein, das wir haben, und nicht zu urass’n.

Ein sympathisches Wort jedenfalls, dieses urassen. Es wird, bekommt man den Eindruck, gerne von Älteren verwendet, meist für Essen, gern gestohlene Büromaterialien (Chef: „Urassen Sie nicht mit dem teuren Schreibpapier!“) und andere mehr oder weniger wertvolle Dinge.

In der Jugendsprache dürfte es meinen Ohren nach noch nicht angekommen sein. „He, was geht mit dir? Urass nicht so mit dem Bubble Tee.“ Klingt aber gut, finde ich, und lässt sich vielfältig einsetzen. Sogar mit Objekt oder ohne.

Die Jugendlichen hätten auch allen Grund, das zu sagen, denn immerhin sind sie gerade 20 Minuten lang unten bei der U-Bahn-Station Schottentor (tolle Atmosphäre) mit Maske angestanden. So wie wir in dem Alter zu Nicht-Pandemie-Zeiten vor der Disco U4 mit (schlecht) gefälschten Schülerausweisen. Nach dem Motto: Keine Schlange ist zu lange.

Pro: In der Schlange können Gleichaltrige beobachtet und getroffen werden. Und sei es die Angst, nicht hereingelassen zu werden oder die, dass die Lieblings-Bubble-Tea-Sorte aus ist: Gesprächsthemen sind vorhanden.

Der redet falsch aka: Pack die Jause für den Dialektologie-Ausflug.

Apropos Dialekt. Viele Leute verwechseln Standarddeutsch („Hochdeutsch“) mit Mundart oder Umgangssprache. Im Dialekt ist zum Beispiel die unterschiedliche Verwendung der Fälle nicht falsch. Auch die gesprochene Sprache ist ein konsequentes, intaktes, harmonisches und in sich richtiges System. Deshalb zeigen oft gerade die, die sprachlich eher Halbwissen haben, mit dem Zeigefinger auf Leute, die sich dialektal ausdrücken.

Was zu sagen richtig ist, wie: „Du sterst erm eh ned“ (Du störst ihn eh nicht), kann nicht mit einem gekeppelten: „ihn!“ ausgebessert werden.

Klarerweise kommt es bei Mischungen von Dialekt und Standardsprache (Prohaska im Fernsehen z. B.) dann zu unrichtigen Kombinationen. Auch dann, wenn ich versuche, im breitesten Wiener Dialekt zu sprechen. Das kann ich nämlich nicht (gut). Denn in den 80er-Jahren entschieden viele Eltern in Wien und Umgebung mit den Kindern bewusst „Hochdeutsch“ zu sprechen. Bildungssprache. Diese Tendenz hat sich bis heute gehalten, allerdings lernen die meisten jungen Wienerinnen und Wiener im Arbeitsleben den Dialekt und verwenden ihn ab dann auch in ihrem Alltag.

Pro: Im Alltag sprechen wir alle meist irgendetwas dazwischen.

Trick 17 heißt jetzt Life Hack und warum wir das nicht liken

Apropos junge Wiener. Ihnen werden online von Werbung und Klick-drauf-Artikel (= auch Werbung, aber mit komischen Bildern und Geschichten) Life Hacks für „eh alles“ angeboten. Wir sagten dazu einfach Trick 17. Die „Sendung mit der Maus“ hat mir beantwortet, woher der Ausdruck Trick 17 kommt:

Die wahrscheinlichste Theorie ist, dass Trick 17 auf das englische Kartenspiel Whist zurückgeht. In der Schweiz sagt man übrigens Trick 77 – und in Finnland Trick 3. In Frankreich nutzt man système D.

Und der in vielen Sprachen um sich greifende (oder besser gesagt schlagende) englischsprachige Begriff Life Hack? Der kommt von hier:

The term life hack was coined in 2004 during the O’Reilly Emerging Technology Conference in San Diego, California by technology journalist Danny O’Brien to describe the „embarrassing“ scripts and shortcuts productive IT professionals use to get their work done.

= Der Begriff Life Hack wurde 2004 (..) vom Technologiejournalisten Danny O'Brien geprägt, um die „peinlichen" Skripte und Datei-Verknüpfungen zu beschreiben, mit denen IT-Experten ihre Arbeit erledigen.

Ursprünglich also keineswegs ein positiver Begriff.

Pro: Lieber trickseln statt herumhacken.

Noch mehr komische Werbung: die Eis-und-doch-kein-Eis

Wer spätabends noch fernsieht, den erwischt auf manchem deutschen Privatsender auch die Über-18-Werbung. So auch jene der Firma Eis, die kein Eis verkauft. Sie preist ein Produkt an (es ist kein Eis) und eine Stimme sagt:

„XY um nur null Euro.“

Kann etwas NUR null Euro kosten? Nur nichts? Ich befürchte, das ist weder mathematisch noch sprachlich auf irgendeine Weise sinnvoll.

Aber auch auf unseren heimischen Privatsendern gibt es sprachlich interessante Werbungen so wie die LIDL-Grillwerbung, die in (jedenfalls nicht Wiener, könnte ihn aber nicht ganz genau zuordnen, wisst ihr es?) Dialekt Grillfleisch-Preise herumschreit. Wahrscheinlich, weil wir in Wien, die Hochdeutsch und Wienerisch sprechen, keine Griller in unseren Nicht-Gärten haben. Dafür hat mein Garten auch nur null Euro gekostet.

Pro: Jetzt wird es wirr.

Apropos wirr:

Wirre Spekulation aufgetaucht

Gestern war ich im Botanischen Garten, in dem mich diese lustigen, fancy Schönheiten erwartet haben:

Tulpen. Botanischer Garten neben Belvedere.

Beim Heimfahren über den Ring musste ich dann wegen Demonstrationen zuerst warten und dann aus der Straßenbahn steigen.

Da ist mir urplötzlich – nach nur zwei seriösen Facebook-Videos von Frau Dr. Dr. med. Gurkensalat – alles klar geworden:

Die Wiener Linien wollten von den harten Maßnahmen 2019 des Essverbots in der U-Bahn (Leberkassemmel, ofenwarme Golatschen und Kebap) ablenken und taten sich mit der Wiener Wirtin „Bei Gitte“ und anderen zusammen, die von der Knallhart-Maßnahme „Rauchverbot drinnen“, sehr zum Unmut der 90 % Raucher-Stammgäste, ablenken wollten. Sie fuhren deshalb gemeinsam mit der über Knoten Simmering umgelenkten Bim 72er nach Wuhan. Dort zerdepperte (Wienerisch zerbrach) Gittes 30-jähriger Sohn Berti unabsichtlich sein Glas-Tupperware mit der vergessenen Knacker als Jause vom Donauinselfest 2014 darin.

„Unabsichtlich“! 😉

Corona Made in Austria statt Made in China, Hygiene Austria weiß, wovon ich spreche. Wir (meine fünf anderen Persönlichkeiten und ich) haben alles aufgedeckt. Man kann es nicht mehr abstreiten.

Weltweit reiben sich nun die Eliten der Lokal- und U-Bahnbesitzer die Hände, da dank Maskenpflicht und Schließung nun weder in Lokalen geraucht, noch in U-Bahnen gegessen werden kann oder darf.


Zum Abschluss das Wort des Tages von dictionary.com, das ihr bestimmt weder kanntet noch aussprechen könnt:

apothegm

apuh-them ]

noun

a short, pithy, instructive saying; a terse remark or aphorism.

= ein kurzes, kerniges, lehrreiches Sprichwort; eine knappe Bemerkung oder Aphorismus


Alles Liebe und eine schöne Woche. Barbara

PS: Morgen wird der Lockdown gelockert (was wiederum etwas verwirrt) und wir machen es wie die Bubble-Teenager und schlängeln uns auf der Straße, um dringend neue Socken zu kaufen.

Partypreise statt Partyreise – von reizlosen Reizen im Lockdown

Partypreise statt Partyreise – von reizlosen Reizen im Lockdown

Warum sich *reiz- aktuell hervorragend zur Wortbildung eignet und was wir international essen.

Ich widme die heutige Kolumne meinem Universitätsprofessor Franz Patocka. Während des gesamten Studiums (das waren viele Jahre, war ich doch dazwischen jahrelang im Ausland und lernte alles mögliche Andere als Germanistik, wie z. B. brasilianische Samba/Axé-Choreografien und sizilianische Rezepte und Sprichwörter) besuchte ich spannende Seminare und Vorlesungen bei ihm zum Thema Sprachwissenschaft. Es ging um bairische Dialekte, also unsere, Fachsprachen der Arbeitswelt, Syntax (Satzbau) in schriftlicher und mündlicher Sprache und vieles mehr. Ich schrieb auch meine Diplomarbeit zur Wortbildung bei ihm, bei der ich endlich – spät aber doch – dank seiner strengen Verbesserung auch noch die richtige Kommasetzung, den Unterschied zwischen den Bindestrich-Längen und mehr lernte.

Zu einem Seminar zu Fachsprachen gab es in einem Semester nur zwei Anmeldungen. Prof. Patocka lachte und sagte scherzhaft, er werde eine Alternative für mehr Zulauf anbieten, könne uns aber genauso gut etwas über diese Fachsprachen im Kaffeehaus erzählen, wenn wir wollten.

Sein trockener Humor und seine sprachwissenschaftliche Arbeit haben sehr viele Studenten und auch Kollegen über Jahrzehnte beeinflusst. Er unterrichtete bis jetzt, noch im Wintersemester 2020, auch nach seiner Pensionierung weiter und es macht mich sehr traurig, dass er vor wenigen Tagen von uns gegangen ist.

Was uns momentan im alltäglichen Lockdown-Leben fehlt, sind die Reize. Unsere Umgebung (Homeoffice = Zuhause und die Parks, die wir auswendig kennen) ist reizarm geworden, fast alles erscheint reizlos. Was folglich dafür sorgt, dass wir reizbar und gereizt statt reizend sind. Neue Eindrücke kommen nur in digitaler Form zu uns, was ein Gefühl der langsamen Verblödung hervorruft. Nach dem Motto: langsam aber sicher. So legte ich mein Buch gestern weg, um stundenlang durch grüne Röhren zu klettern und feuerspeiende, fleischfressende Pflanzen und gemeine Männchen auf Wolken zu bekämpfen (Super Mario). Andere sehen stundenlang Netflix-Serien oder liegen, wie auch ich kürzlich, mit gequält-fröhlichem Gesichtsausdruck bei etwa 10 Grad, gefühlt -5 dank Wind, bibbernd in irgendwelchen Wiesen.

Auf der Facebook-Seite der Büchereien Wien gibt es heute wieder einmal einen sehr amüsanten Beitrag dazu:

„Der große Vorteil des Arbeitens ist ja, dass man in der Zeit zumindest nicht spazieren gehen muss.“

Die Bild-Zeitung berichtete vor einigen Tagen vom Ösi-Wunder, bei dem es um irgendetwas ging, das hier besser klappt. Was das Wunder genau war, weiß man schon nicht mehr, da sich zurzeit die Nachrichten täglich ändern und überschlagen. Am besten man steckt, wie Super Mario und Luigi (Ciao, bello), den Kopf in einen leeren Blumentopf.

Bis der Hunger kommt. In meinem Buch las ich von „Karbonade“, aus dem Französischen: auf Kohlen geröstetes Fleisch. Das ist gleichbedeutend mit carbonata im Italienischen, Italienische carbone, Latein(isch haha) carbo, also Kohle. Was mich an die Carbonara erinnert. Die etymologische Herkunft des Namens dieses einzigartigen Pasta-Gerichts (piatto ist sowohl der Teller, als auch Gericht) ist umstritten. Wahrscheinlich kommt er daher, weil sie die carbonai (dt. Köhler/Kohler, Kohlenbrenner) aus den Abruzzen zur Stärkung nach getaner, harter Arbeit zubereiteten. Bravi!

In Österreich und ein paar Nachbarländern ist es durchaus legitim, ein süßes, warmes Mittagessen zu genießen, wie Apfelknödel, Buchteln, Kaiserschmarrn und mehr. In Italien, Portugal, Frankreich usw. reagierten die Leute daraufhin genauso aufgeschlossen wie ich, als ich in Japan zum Frühstück im Ryokan, jap. 旅館, wortwörtlich Reisegasthaus, Suppe und rohen Fisch bekam.

Eine Mahlzeit im Ryokan, in Hakone.

Japan war sehr schön, spirituell und keine klassische Partyreise, wie damals Ios, Ibiza und manchmal auch Lissabon. In der U-Bahn-Station Schwedenplatz gab es (gibt es noch?) ein Reisebüro für Last-Minute-Reisen. Da ich immer schon ständig dort vorbeiging, war auch die Buch-Versuchung für die nächste Partyreise zu Studentenzeiten groß.

Neu ist jetzt rechts und links der Rolltreppe Richtung Eissalon etwa 83.746.364 Mal die gleiche Werbung nebeneinander. Ich las vor wenigen Tagen Partyreise (Freudscher Verleser). Wobei der Supermarkt aber leider mit Partypreisen lockte. Was für eine Party bitte? Ich möchte dann bitte lieber Ios+, das wäre dann Mykonos. Wie viele Rabattmarkerl brauche ich dafür?

Thema Reisen (die Jüngeren von euch wissen vielleicht nicht mehr, was das war): Eine Freundin von mir plant momentan einen längeren Aufenthalt in Mexiko. Das erscheint uns allen im Augenblick so in etwa wie ein Flug im Mars-Hubschrauber mit dem schönen Namen Ingenuity, der Farb-Fotos, die an bestimmte Gebiete Mexikos erinnern, schießt. BITTE LÄCHELN.

Ich bevorzuge zurzeit die Trend-Region Wagram. Die ÖBB bewirbt sie in der Bahn mit den sehr interessanten Adjektiven: abgehoben . bodenständig. (Mit Punkt in der Mitte, kreative Satzzeichenfreiheit? Soll ein Schlaf-Wagen durchpassen?) Also sowohl für Snobs, als auch für Leute auf der Suche nach nicht-japanischen traditionellen Wirtshäusern? Ist abgehoben etwas, was man möchte, fragt man sich da. Aktuell wohl ja, wir wollen abheben und am liebsten mit einem Hubschrauber auf dem Mars herumfliegen. Darauf spazieren bitte nicht.

Ja, fliegen…

Als ich vorgestern durch den Donaupark gehe (NICHT SPAZIERE), laufen zwei Kinder neben mir. Der Bub sagt: „Wir können nicht fliegen. Nur wenn wir Zauberkräfte haben, stimmt’s, Paulina?“ Und Paulina bejaht.

Ich hoffe, wir finden diese Zauberkräfte.

🍋🍃. Schöne Woche! Trotz allem.

Barbara

Eine Rolle Prinzen für das Krokodil

Eine Rolle Prinzen für das Krokodil

Hoffentlich ein aufblasbares fürs Freibad oder das Meer, falls dieser Winter je enden sollte.

Könnt ihr euch noch an die Prinzenrolle aus eurer Kindheit erinnern? Gute Neuigkeiten: Es gibt sie immer noch. Es sind zwar nur runde Kekse und keine ganze Rolle frischer Prinzen zur Entnahme (Inspiration für den zeitgleichen Fresh Prince of BelAir?), trotzdem war sie der Hit.

Meine Freundin aus Guadeloupe hat mir kürzlich ein Foto ihrer Prinzenrolle geschickt.

Daraufhin suchte ich ein Bild unserer:

Der französische Prinz wirkt ein wenig aufgeweckter und wirft uns eine angebissene Prinzenrolle auf den Kopf, während der österreichische Prinz dämlich grinsend sein Schwert präsentiert. Kleidungstechnisch sind sie im Partnerlook.

Lustig ist dann vor allem, dass der französische Traumprinz dem Anschein nach braunhaarig und unserer blond ist. Wie sehen die Prinzenrollen bei euch aus? Beide Prinzen erwecken FAST den Eindruck, sie könnten uns vor einem Drachen oder Krokodil beschützen.

In der Gratis-Zeitung wurde gefragt: „Was denkt ihr dazu?“ Nein, nicht richtigerweise: „Was sagt ihr dazu?“ oder „Was denkt ihr darüber?“ sondern: Was denkt ihr dazu?

Wie auch der gestrige Eintrag zeigt, schreiben manche Zeitungen so schlecht, dass nicht einmal die Redakteure selbst lesen, was sie schreiben. „Blindschreiben“ bekommt eine neue Bedeutung.

Es ging, wie immer, um ein polarisierendes Thema. Dazu kurz: Ich bin sehr tierfreundlich und lasse sogar Feind Nr. 1, die Spinne, leben und hoffe bei den Stechmücken („Gelsen“), sie würden doch irgendwann nachts von allein satt werden. Doch diese Petition des Tierschutzvereins ist wahrlich sonderbar.

Es geht um den Speziesismus. Wir Menschen diskriminieren mit unseren Worten andere Lebewesen. Wir sollten deshalb keine abwertenden Redewendungen mehr verwenden, wie „eine Krokodilsträne weinen“. Mit der Begründung „Krokodile sind empfindsame Wesen, die teilweise aufwendige Brutpflege betreiben.“ Ich frage mich, ob das das Krokodil auch so sieht. Würde ich z. B. neben einem Krokodil schwimmen und ein bisschen plaudern wollen, könnte es mich für eine Prinzessinnenrolle halten und reinbeißen, falls hungrig. Da gibt es prinzipiell nur zwei Möglichkeiten: Hunger oder nicht Hunger.

Ich trage natürlich kein Krokodil als Handtasche, aber denke, es ist ihnen, Wienerisch gesagt, eher wurscht, welche Redewendungen wir verwenden. Deutschsprachige Krokodile gibt es übrigens in freier Wildbahn nur im Donaukanal Höhe Urania bis Roßauer Lände.

Apropos schwimmen: 700.000 Menschen in Österreich können nicht schwimmen. Durch den Lockdown und die fehlenden Schwimmkurse wird diese Zahl noch ansteigen, eine hohe Zahl! Wir haben aber auch an Land kaum Chancen gegen ein Krokodil.

Zu korrekter Sprache etwas Wichtigeres: Ich habe kürzlich eine britische Serie synchronisiert gesehen und im Original sagt der eine Mann „you prick“. Nicht nett, aber das sagt er. Die Synchronisation war sehr unpassend und schlecht mit „du Spast“ gewählt. Meine Schülerinnen und Schüler verwendeten es, ohne die geringste Ahnung der Bedeutung zu haben, aber als erwachsene Übersetzerin darf mir so etwas nicht passieren. Vor allem, da die Übersetzung, abgesehen von beleidigend, auch falsch ist. In den deutschen Untertiteln wurde dann mit „du Arsch!“ passender übersetzt. Ich entschuldige mich für die Kraftausdrücke.

Thema Jugendsprache: Gespräch in der U-Bahn, junge Frau: „Das ist dort auf der Hilfer.“ Ältere Semester sagen MaHü, bei den Teenies ist’s die Hilfer (Mariahilfer Straße). Als Nachsatz meinte sie dann noch, denn sie suchten einen Ort ohne Maskenpflicht: „Man soll mein schönes Gesicht sehen.“

Das liken wir und hoffen, bald wieder viele schöne und lächelnde Gesichter zu sehen.

Haltet durch, irgendwann müssen Kälte- und Corona-Wellen enden und wir dürfen wieder mit unserem aufblasbaren Kroko von einem Bademeister aus dem Wellenbecken oder dem Hotel-Pool geworfen werden! (Und: Vielleicht lässt er sich mit einer bröseligen, angeschmolzenen Prinzenrolle bestechen.)

B.

Umzug im Brutal-Lockdown

Umzug im Brutal-Lockdown

Wir machen Zitronenlimonade. Diesmal ohne Dschungel. Dafür mit Scha(r)f.

Lustige Wortschöpfungen reißen nicht ab.

So kündigte eine (Gratis-)Zeitung vor Ostern an: Kommt jetzt der Brutal-Lockdown?

Die Antwort ist: Ja, er kam. Aber es gibt auch weniger „gute“ Nachrichten. Räusper. Ich habe, wie so viele, einen Schritte- und Kilometerzähler auf dem Handy. Mich bringt er trotzdem nicht dazu, nur eine Stufe mehr freiwillig zu steigen.

Unsere Haupt-Freizeitaktivität ist momentan, wie oft gesagt, das Spazieren. Zumindest hier beruhigen wir unser Gewissen und sind über unsere abgehatschten Kilometer und Neuentdeckungen in unserer Stadt froh. Brauchen wir aber nicht zu sein. Denn mein Kilometer-Zähler verrät mir, dass ich 2019 um 1,5 km mehr täglich zu Fuß gegangen bin als in den Lockdown-Jahren (Hilfe, das klingt lange) 2020 und 2021.

Wie gewonnen, so zerronnen.

Das Wetter schmilzt auch den Aprilschnee, es ist direkt warm.

Sprichwörtliche Redewendungen haben es in sich. Kürzlich sprang jemand ein paar Meter von mir entfernt auf und ab, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gesehen zu werden. Treffend war die Beschreibung meiner Freundin später „Er hat ein Theater gemacht“. „Mach nicht so ein Theater!“, wird gesagt. Und wir machen (ein) Theater, um gehört, gesehen, gemocht oder gelesen zu werden.

Und das ist auch gut so. Denn das Theater braucht uns und wir es.

Wir könnten stattdessen aber auch, wie es in der Werbung heißt, Fashion- und Lifestyle-Shopping machen. Ja, wir kaufen uns jetzt den Lifestyle.

Gehst du heute auch lifestyle-shoppen? Ich brauche noch eine große Wohnung im 19. und teures Besteck. Ja, heute shoppe ich den Hipster-Lifestyle und brauche weiße, lange Socken und ein Stoffsackerl für mein altmodisches Rad. Oder doch lieber Gucci-Lifestyle?

In Wahrheit bin ich neidisch und würde auch gerne Lebensstil shoppen. Der Corona-Lifestyle ist übrigens gerade im Angebot.

Ich befürchte aber, ein Lebensstil ist eventuell doch nicht käuflich. Aber sagt es der Werbung nicht, sonst ist sie sad, very sad.

Der Lifestyle im 20. Bezirk, am Hannovermarkt, sagt mir auch zu. Da gibt es nämlich Folgendes zu kaufen, danke M. für diese Information:

Karpfen mit Putzen 5,90
Karpfen ohne Putzen 4,90

Da kamen mir gleich diverse blöde Fragen, die gemeinsam gestellt besonders unsinnig sind:

  1. Putzen Sie auch im 9.?
  2. Haben nicht nur Äpfel, sondern auch Karpfen Putzen/Butzen? (Kennt ihr noch den Ausdruck Apfelbutzen?)
  3. Was ist dieses köstliche Putzen?

Weniger köstlich, dafür umso gesünder, ist mein neuester Kräutertee. Allen Skeptikern sei hiermit gesagt, ich bin mir dessen bewusst, dass der Weg von Wodka-Redbull als Aperitivo in der sizilianischen Bar um 19.00 zu Kräutertee im Wohnzimmer um 19.00 dramatisch ist.

Der Kräutertee ist bitter. Das lässt auf gesund schließen, hoffentlich kein Trugschluss. Trüge mich nicht, o Kraut. (Wo ist das be- geblieben?) Er ist aus Schafgarbe, wobei Althochdeutsch garwe Gesundmacher heißt. Tiere, besonders Schafe wie wir, lieben diese Pflanze.

Zum Abschluss der heute kurzen Kolumne habe ich nun alle Namen der Schafgarbe auf der Wiese der deutschen Sprache eingesammelt. Als Zeichen dafür, dass man viele und fantasievolle Wörter, Bezeichnungen, Synonyme bilden kann und dass vielleicht nicht alles im Leben Fashion & Lifestyle ist. Oh nein, ist Kräutertee etwa doch Lifestyle? Sorte boringOMG!!! ist alles, was ich dazu sagen kann.

Lateinisch: Achillea millefolium

Andere Namen:
Augenbraue der Venus, Blutstillkraut, Frauenkraut, Frauendank, Gotteshand, Grillengras, Katzenkraut, Margaretenkraut, Achilleskraut, Gänsezungen, Grützblume (naja, schön ist anders), Zangeblume, Feldgarbenkraut, Grundheil, Schafzunge

Quiz: Wie viele Tiere haben sich hier versteckt?

Von Blumen werde ich heute dank des Nach-Oster-Schneesturms-im-Brutallockdown nicht mehr viel sehen, dafür erquicken uns diese Namen.

Bis sehr bald!

Barbara

Die virtuelle Katze fängt den Ohrwurm

Die virtuelle Katze fängt den Ohrwurm

Oder: Was das, was wir sagen, uns sagt.

Ein Jahr mexikanisches Bier in Österreich. Und wir beißen in die Limetten. Psychologen sagen, wir schlafen und träumen anders. Länger. Wirrer. Unser Gehirn muss eine neue Welt einordnen. Das ist die Ausrede für meinen heutigen Traum (mein Nachbar Freud würde mir ganz sicher etwas anderes dazu sagen).

Ich gehe in ein Virtual-RealityFitnesscenter, ein sehr cooles, dunkles, mit Graffiti im Cross-Fit-Stil, um ein Verbrechen aufzulösen. Ich trainiere dort und es ist alles wie im echten Leben. Sie machen Kampfsport und trainieren mit Hanteln, eine fällt sogar auf mich und es tut kurz weh. Doch niemand beachtet mich, eigenartig. Als ich hinausgehe, also aussteige, sehe ich, dass ich eine rote Katze war. Ich hatte den Katzen-Filter bzw. -Avatar unabsichtlich gewählt und das fanden die Trainierenden nicht so spannend, was schließlich für meine Ermittlungen (?) vielleicht hilfreich war.

Klingt fast nach Science-Fiction-Film eines Regisseurs auf Drogen. Ich bin unschuldig, meiner war ein Keksrausch. Keks, nicht Koks. Wir vermissen dich sehr, Falco.

Im (amerikanischen) Film wurde kürzlich gesagt „Auf Deutsch sagt man Ohrwurm dazu.“ – ein sehr schönes sprachliches Bild des Deutschen.

Diese Knallhart-Maßnahmen drohen jetzt in der Ost-Region.

Die Schlagzeile der heutigen heute. Ich finde dieses Kompositum Knallhart-Maßnahmen super. Wir liken es. Nachgelesen, was heute.at vermutet, das sie sein können, habe ich nicht, da ich wahrscheinlich in etwa genauso gut wie die Redakteure irgendetwas daherraten kann.

Ich werde fast noch sarkastisch, wofür ich mich fast entschuldige.

Zurück zur Sprache im Film. In einer US-Komödie wurde eine polnische Frau sympathisch und klischeehaft (hübsch, immer gut gelaunt, blond, heiratet wegen Visum ohne richtige Englischkenntnisse) dargestellt. Sie verspricht sich und ihr Mann sagt: „Ihr Deutsch ist noch nicht so gut.“ Na dann!

Abgesehen davon, dass ich an ihrer Stelle den lieben Gatten nicht angelächelt hätte, kam mir eine Frage: Wird in dieser Filmwelt in Nordamerika Deutsch gesprochen? Ging die Wahl: „offizielle Sprache Englisch oder Deutsch?“ damals doch knapp für Deutsch aus? Wer weiß nicht, dass Filme synchronisiert werden? Ging sich „unsere Sprache“ mit den Lippenbewegungen nicht aus? Wäre Englisch richtig gewesen? Fragen über Fragen.

Abschließend noch kurz zu Anglizismen, die mir eine Freundin gerade zukommen lassen hat (hat lassen ginge auch):

In einem Workshop kamen von der Vortragenden diese Fragen:

„Gibt es Punkte, mit denen ihr gestruggelt habt?“ Meine Antwort darauf ist: Wie wäre es mit gestrudelt?

„Der Benefit der Impfung ist da.“ Benefit, kein Malefit und auch kein Cross-Fit.

„Also gut, zu meinem Background…“ Bitte nicht! Meint sie den einstellbaren Skype-Hintergrund, ihre Wohnzimmerwand oder etwa ihren amazing international background, den sie sich dank Netflix und Instagram mit Anglizismen-go-go zugelegt hat?

Zum Abschluss noch zwei hübschere Gedanken für diese Zeit:

„Aufgeben tut man nur einen Brief.“ (Gerda Rogers aus den ö3-Sternstunden und gekannt von Wiener Omas)

Und:

„Das tollste Lokal der Welt ist nur ein leerer Raum ohne die Menschen, die es ausmacht.“

(Mein Gedanke zu angesagten Restaurants und Lokalen und unseren im Nachhinein absurd wirkenden Präferenzen Prä-Mexikanisches-Bier. Ich vermeide ab jetzt dieses Wort sowie die inflationären Neubildungen mit dem Wort TEST, also Teststraße, Test-Kit, um keinen Augen- oder Gedankenwurm zu erzeugen).

Apropos Ohrwurm: In der Philosophie-Runde auf ORF 2 letzte Woche, in der es leider viel mehr um Politik als um Philosophie ging und das einzig Interessante in den ersten fünf Minuten gesagt wurde, wurde etwa 20 Mal das Wort Ambivalenz bzw. ambivalent gesagt, bis mir die ambivalenten Würmer in den Kopf krochen.

Sicher, ich mag das Wort auch sehr und habe es liebend gern mit vierzehn mein erstes Mal Verliebtsein beschreibend verwendet und dazu passend das Lieblingslied torn von Natalie Imbruglia gehört.

Jetzt sehe doch auch ich sie, diese Ambivalenz!

Schöne Woche und haltet die Osterhasenohren steif! (Idee abgekupfert vom Schönbrunner Ostermarkt, der leider nicht stattfinden darf.)

Barbara

Sprachlich Kurioses zum Lachen oder Weinen

Sprachlich Kurioses zum Lachen oder Weinen

Freude ist da, wo du bist: zu Haus!

Mittlerweile hat es, man sieht es an meinen vielen Beispielen, auch die Werbung mitbekommen. Wenn wir gerade nicht spazieren, shoppen oder in Nickelsdorf an der Grenze zur Einreise nach Österreich warten, sind wir ständig zu Hause. Die Werbung versucht uns das Heim mit den eigenartigsten Sprüchen schmackhaft zu machen. So auch die Möbelfirma mit einem alpinen DJ aus Maturareise-Zeiten (ohne Zwei-Meter-Abstände) und Neon-Leuchtstangen (bitte, ich könnte sie für unser Taekwondo-Stock-Training gebrauchen), wo es da heißt: „Freude ist da, wo du bist: zu Haus‘!“ und „Zusammen in der Küche kochen ist auch sehr nett!“ Ja, sehr.

Auch im Fernsehen: um 14 Uhr nachmittags CSI: NY/LA/Vegas und neu CSI Cyber. Als ich neben dem Studium auf Kongressen im Austria Center arbeitete, begannen unsere Arbeitstage sehr zeitig, gegen 6:30. Also etwa fünf Stunden vor meiner üblichen Morgenroutine. Dementsprechend verwirrt stolperte ich in den Eingangsbereich. Ich war für eine Personalfirma mit drei Buchstaben tätig. Der Security im Austria Center hielt mich auf. Ich erklärte, vollkommen überzeugt: „Ich bin von CSI“, was erstaunlicherweise auch ihm logisch erschien (wahrscheinlich war er genauso unausgeschlafen) und er ließ mich vorbei. Mir dämmerte erst Minuten später, was ich gesagt hatte.

In einer dieser Serien (Navy CIS diesmal) heißt es um zwei Uhr nachmittags beiläufig: „Ich will noch andere Gründe wissen, warum ihm die Hände abgehackt wurden.“ Ja, wer will das nicht? Es kann ja nicht nur einen Grund dafür geben! Mahlzeit, falls man gerade beim Mittagessen ist. Es beruhigt, dass solche Inhalte zum Nachmittagsprogramm gehören, während nackte Hintern und ganze Menschen (ohne abgehackte Teile) heutzutage ganz allgemein nicht einmal mehr spät nachts im Fernsehen zu sehen sind. Außer in Independent-Produktionen, die es nur in Kombination mit halbstündigen Küchen-Schreianfällen auf Französisch gibt oder – auf der ganz anderen Seite des Spektrums –Bridgeton-Shades-of-Grey-Zuckerwatte-Softpornos.

Dank Homeoffice kann man praktischerweise in der Mittagspause Bildschirmpause machen und den Fernseher einschalten. Aber nur dann, wenn man auch ein Homeoffice hat. Wie gefällt euch Heimbüro? Ich bin für Vorschläge offen, machen wir es wie die Franzosen und deutschen alles ein.

Zwei nette, junge Damen meinten in Hinblick auf ihr Studium ab Herbst in der Straßenbahn zum Thema Kein-Homeoffice-Haben: „Ich will jetzt auch nicht so lange unemployed sein. Busy as usual unemployed, haha.“ Sie bekam einen Lachanfall. Wunderschön, besser könnte man es nicht sagen. Ja, unemployed klingt viel mehr trendy als arbeitslos. Wobei das deutsche Wort für busy sowohl „keine Zeit“-beschäftigt, als auch „bei einem Arbeitgeber beschäftigt“ bedeuten würde. Mit dem Anglizismus wurde aber diese doppelte Bedeutung sprachlich ins Jenseits geschreddert.

Die sympathische junge Dame erzählte dann noch, sie hatte ihren Umzug (in ein Zimmer in Studenten-WG und ohne Möbel) unglaublicher Weise an einem Tag erledigt, nicht so wie andere, denn sie „habe andere Prioritäten!“ Unschuldige Passanten nervende Dinge in der Straßenbahn anhören lassen zum Beispiel.

Zurück ins Homeoffice, in dem wir nicht nur nett kochen und Lieder singen, sondern vor allem auf Bildschirme starren. Und genau dafür hat eine Brillenfirma jetzt eine Werbung in ihrer Auslage platziert:

„Homeoffice-Brillen -50 %“

Was genau sind bitte Homeoffice-Brillen? Extra hässliche Brillen für zu Hause, wo mich mein heißer Bürokollege nicht sehen kann? Oder besonders viele Dioptrien, inklusive KURZ- und Weitsicht-Gläser für unsere ausgedehnte Bildschirmzeit? (Blümel braucht zum Glück keine.)
Handy, Computer, Handy, Fernseher, Computer, Handy, Bildschirme in Öffis, eBooks, Pressekonferenzen, fünf Folge-Satirevideos um sie zu verarbeiten. Spoiler: Ja. Ein Blick auf die Homepage, huch wie altmodisch, Website, verrät: gemeint sind – jetzt kommen schöne Komposita – BILDSCHIRM-ARBEITSPLATZBRILLEN INKL. BLAULICHTFILTER & MULTIKOMFORT-GLÄSER. Also doch auch ein bisschen hässlich zum Zwecke des Multikomforts.

Satire rettet uns momentan durch die Tage und ich danke vor allem Alex Kristan für sehr schöne Wortspiele und Gernot Kulis für die Tränen, die ich lache bei „Schmähhammer, Wahnschober und Co. im Ministerium für Irreres„.

Ich erhielt vor ein paar Tagen einen von zirka sieben täglichen Kurier-Newslettern bei Mail. Ich habe bereits mehrmals versucht, ihn abzubestellen, aber hier verhält es sich wie bei den echten Abos: einmal Abonnent, immer Abonnent. Abbestellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe aufgegeben. So lautete der Text im ++++++ Newsletter-Mail +++++++:

„Studie: Brillenträger stecken sich seltener mit Covid-19 an (Oha! Ich möchte jetzt doch auch eine Homeoffice-Brille um -50 %) + Biontech-Vakzin für Kinder ab 5? (Ist das noch die selbe Studie?)
Die Infektionszahlen verharren auf hohem Niveau. Pro Kopf dürften die Staatsschulden 4.000 Euro pro Kopf betragen.“

Danke für diese Zusammenfassung und die gelungenen Übergänge.

Doch wie Zlatan Ibrahimović auf dem italienischen 5-Tage-Musikfestival Sanremo in einer etwas wirren, pädagogisch-philosophischen zehnminütigen (!) Rede an ein Publikum von (bald mit Bointech durchgeimpften) Dreijährigen beruhigend auf Italienisch (mit einem nicht-sehr-schwedischen Akzent) meinte: „Wenn Zlatan Fehler macht, kannst auch du Fehler machen.“

Mit diesen Worten wünsche ich eine schöne Woche, viel Spaß mit euren Neonstangen, Koch-Abenden, CSI-Folgen und multikomfortablen Fußballern.

Barbara

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Von praktischen Germanismen und der wunderlichen Werbesprache

Heute bin ich an dem Werbeschild einer Partei vorbeispaziert, das mich grausen ließ (nicht wegen seines Inhalts):

Frauen.
Krisenmeisterinnen.

Gut, bis dahin können wir das unterstützen. Auch wenn das Wort Krise aktuell doch etwas inflationär verwendet wird. „Es kriselt“ ist ein sympathisches Verb dazu. „Es kriselt“ als Umschreibung für „Wenn er/sie noch einmal so laut atmet/das Handtuch hinwirft/auf die Gabel beißt/den Fernsehkanal wechselt (und so weiter), rast‘ ich aus.“

Ausrasten ist hier übrigens das genaue Gegenteil von sich ausrasten. So wie umfahren und um-fahren gegenteilig sind. Die Präfixverben des Deutschen haben es in sich.

Doch der Werbespruch geht leider weiter.

Frauen.
Krisenmeisterinnen.
Seit immer.

In mir zieht sich etwas zusammen. Seit? Seit immer? Was ist mit „schon immer“, „immer schon“, „seit der Eiszeit“ usw.? Seit immer. Das ist eine sehr unschöne Umschreibung. Unschön und unsinnig.

Das klingt eher nach Pausenhof in der Schule (gibt es die noch oder wurden sie irgendwann wie das Rauchen für Schüler abgeschafft, weil zwecklos?). „Seit wann stehst du auf Mirko?“ (Wir hätten noch – ungeniert rauchend – „auf DEN Mirko“ gesagt, die Jugendlichen von heute haben diese Artikel vor Namen aber mit ihren Socken gemeinsam abgeschnitten) Antwort: „Seit immer!“ Das ist irgendwie wildromantisch und passt zum Zeitgefühl von Schülern.

Aber auch andere Werbungen sind nicht so schön. Man erinnere sich an „Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“ Nun sprang noch eine weitere (Möbel-)Firma auf diesen (in den Abgrund) fahrenden Zug auf und sie legt einen drauf mit: „Damit zu Hause auch dein Zuhause ist.“ Ja. Ähm. Wie?

Wenn ich zu Hause sage oder denke (gut, spielen wir mit der Gefühlsebene: fühle), kann ich dann einen Ort meinen, der nicht mein Zuhause ist? Vielleicht in einer Welt der Bill Clinton- und Überhaupt-nicht-von-Tirol-nach-Deutschland-außer-unter-diesen-strengsten 71-Ausnahmen-doch-Paradoxons.

Man ist also nach dem Kauf von Möbeln dieses Möbelhauses zu Hause und gleichzeitig auch nicht. Ob man das will, ist eine andere Frage.

Vielleicht sitzen auch Bill, Monica und ein Bayer auf dem neuen Ecksofa zu Hause. Und nicht.

Apropos zu Hause: Bei den langen Winterabenden bietet sich der Verzehr von Keksen an. Lustigerweise gibt es englische Kekse, auf deren Packung decadent cookies steht. Eine sehr interessante Beschreibung!

„Die Kekse waren heute wieder einmal so dekadent!“

Zu dekadent passt auch unser aus dem Englischen eingebürgerte „Snob“. Interessant wird es jetzt, wenn ein Germanismus im Kroatischen im Deutschen mit einem Anglizismus übersetzt wird! Verwirrt? Kein Wunder!

Ein Freund von mir sieht eine kroatische Serie namens „The Paper“ mit deutschen Untertiteln. Es wird in einer Folge gesagt: „Oh, ja, der Kunsthändler und Snob.“ (Schon bei dieser klischeehaften Kombination muss man irgendwie lachen.) – „Genau der.“ Nur, dass im Original im Kroatischen nicht „Snob“ gesagt wird, sondern der Germanismus Hohštapler.

Genau der! Eigenartigerweise wird er aber dann im Deutschen zum Snob.

Ich habe noch mehr Germanismen in der Keksdose. Eines der Nr. 1-Diskussionsthemen sind die Ski-Pisten. Und ein witziger Germanismus hat es diesbezüglich auch ins Französische geschafft:

„Je descends les pistes tout schuss.“ – „Ich fahre die Pisten im Schuss runter.“ Schön wäre es.

Kürzlich hörte ich übrigens bei einem kritisierten TED-Talk in dem YouTube-Video eines Meditations-Gurus…

(Ich brauche ihn leider, ommmmm inhaleeeeeeeee and exhaaaaaaaale, so weit ist es gekommen. Wenn ich noch einmal spazieren gehen muss, raste ich gemeinsam mit dem Kolumnisten des Standards aus und gehe mit diesem Christian wutwandern.)

„In German they have a word for it. They call it the Umwelt.“ Von da an sagte und schrieb dieser Redner andauernd Umwelt und kam sich sehr „gescheit“ dabei vor. Obwohl dafür überhaupt kein Germanismus notwendig wäre.

Ein Trost also. Nicht nur wir haben haufenweise unnötige (ich schätze die, die die Sprache bereichern sehr!) Anglizismen.

In den letzten Jahren bekommen es die Nordamerikaner zurück und werden mit „acho-so-intellektuell-witzigen Germanismen“ überschwemmt.

Aber auch den anderen Sprachen geht es nicht viel besser. In einem portugiesischen Artikel über Corona-Paare (hüstel) steht: „Foi um match num timing fantástico“, conta Patricia. „Es war ein Match mit einem fantastischen Timing“, erzählt Patrizia (okay, Patricia).

Doch es gibt Trost: (in der ZIB zum Thema Kosovo gehört)

„Kurti verspricht einen umfassenden Plan gegen die Korruption.“

Danke, Kurti.

Bitte gib uns auch einen Plan gegen die Corona-Krise, damit wir nicht mehr, gefühlt „seit immer“ zu Hause und in unserem Zuhause wutwandern, arbeiten, dekadente Kekse essen und meditieren müssen.

Ich meditiere übrigens für die Liebe und erhalte seitdem ständig Jobangebote. Tipp eines Freundes: Vielleicht sollte ich für Jobangebote meditieren. Wer weiß, wer oder was dann kommt!

Bill, bist du’s?

PS: Ich gehe natürlich entgegen meiner Drohungen (wem drohe ich damit überhaupt?) trotzdem spazieren, denn momentan heißt es: Mit-Maske-vor-Geschäft-Schlange oder Spazieren die 287846ste. Heute versuchte ich es mit den Blumengärten in Hirschstetten und sie waren zu meiner riesigen Freude: zu. Die Sitzbank davor tat es dann bei angenehm milden null Grad auch. Man könnte fairerweise auch die Bundesgärten wieder zusperren.

Ich vermisse dich.

Er hat mich bonjourt

Er hat mich bonjourt

Die sprachliche Reise zum südlichen Orakel und sprachliche Verwicklungen

Die Verwandtschaft kann man sich, wie wir wissen, nicht aussuchen. Doch wie auch immer sie sein möge, die sprachliche Verwandtschaft ist freundlich und großzügig. Und deshalb widme ich ihr gerne meinen Blog. Sie bietet beispielsweise eine Vielzahl an köstlichen Gerichten: von Kukuruz und Palatschinken über Spaghetti und Powidltascherl bis hin zu Melanzani vs. Aubergine (wir sind hier die Melanzani-Fraktion), Haschee-Hörnchen und Püree.

Wer bis jetzt keinen Hunger bekommen hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Ich habe mich also zum südlichen Orakel begeben. Die schlechte Nachricht vorweg: Es sprach nur Französisch und es konnte mir keine Auskunft zum Ende der Coronakrise geben.

Allerdings erquickten mich französische Strandgespräche. Mutter zu Teenie-Tochter am Zuckerhutstrand in Les Saintes: „Willst du Champagner?“ Teenie-Tochter reagiert mau, Mutter legt sich ins Zeug: „Wir haben einen guten gekühlten Rosé.“ Die Teenager-Tochter ist nicht wirklich überzeugt und lehnt gelangweilt ab.

Typisch Französisch und nicht wirklich unserer Realität.

Man stelle sich nun das Gespräch in einem Wiener Freibad vor. „Sabrina, willst a Cappy? Ist fast noch kalt.“ – „Naa …“ – „Vorn beim Wellenbecken kannst dir ein Wasser nachfüllen.“

Beim Strandurlauben bietet sich natürlich Urlaubslektüre an. Ich konnte es diesmal sogar mit einem französischen Buch aufnehmen, in dem ich einen sehr lustigen Ausdruck fand: „(…) et avait regardé travers le judas.“ Und sie hatte durch den Spion (wir nennen ihn Judas?) durchgesehen. Im Buch ließ sich auch ein lustiger Germanismus finden, den ich bis zum nächsten Mal schuldig bleibe.

An den Abenden sah ich die letzte Staffel Modern Family und Jay Pritchett beruhigte: „I’m not gonna do a big … (Pause) spiel.“ Netterweise sogar mit deutscher (sch-)Aussprache. Ihr werdet mir fehlen.

Während in der französischsprachigen Karibik kaum Corona-Regeln zu beachten waren, erließen zur gleichen Zeit die Italiener eine kreative neue: „Man darf einmal pro Tag zu zweit im Auto einen Verwandten besuchen.“ Wie dieses Einmal-Täglich zu überprüfen ist, bleibt eins der vielen Corona-Rätsel, die in die Geschichte eingehen werden.

Genauso auch, wie man sich in normalen Städten mit einem 2-Meter=1-Faßmann-Abstand zu anderen Bürgern bewegt. Ich habe Ski beim Hervis geklickt und kollektet, bin danach mit öffentlichen Verkehrsmitteln heimgefahren und die fast 2-Meter-Ski dienten theoretisch vorzüglich dazu, sie waagrecht um mich zu drehen, um mir meinen Zwei-Meter-Abstand zu sichern.

Doch es gibt nicht nur Verschärfungen. Wir haben (vor allem für die kulturhungrigen Corona-Demonstranten am Ring, die endlich wieder in die Bibliothek wollen) auch gute Neuigkeiten. Die Museen sperren wieder auf. Und es wird, worauf mich eine Freundin gestern hinwies, glücklicherweise eine Ausstellung zu – ja jetzt ratet mal was? – geben.

Nein. Doch!

Corona!

Wundervoll. Wir gehen also aus dem Lockdown und stundenlangen Impf- und Testdiskussionen ins Museum, um uns eine Ausstellung über den/das/die Coronavirus anzusehen.

Ich bleibe da doch lieber subkulturell bei ATV, in dem bei Teenager werden Mütter (trinken dafür aber keinen Champagner mit den Eltern) von einem der Protagonisten Kevin (mit einer Ex namens Jessica) der schöne Satz fiel: „I hob‘ a neiche Freindin kennenglernt.“

Das ist sehr praktisch, wer würde nicht gerne ihren/seinen neuen Beziehungspartner kennenlernen? Man erspart sich sämtliche Kennenlern-Rituale und das Zusammenkommen und trifft unvermittelt auf bestehende Partner. Fast wie bei arrangierten Ehen, nur noch besser.

Als ich auf der Suche nach Wasser beim Abgang zum besagten Zuckerhut-Strand war, begrüßte mich ein gutaussehender Franzose (der sich nicht als mein Lebensgefährte-im-selben-Haushalt entpuppte), woraufhin ich erzählte: „Er hat mich bonjourt“. Ist völlig harmlos, klingt – wie alles Französische – irgendwie verwerflich!

Apropos Serien- und Filmkultur und ihre Germanismen: Im Horrorfilm Wir spielen Scheren eine Rolle. Und es wird gesagt: the shear of the scissors … (Gemeint waren die Schneiden) Klingt fast Wienerisch, Volksschule Schwarzingergasse in den wilden 90ern: „Gib ma de Schear!“ Mindestens genauso zum Fürchten.

Mit diesen Worten wünsche ich einen schönen Sonntag.

Ich danke für unsere (virtuellen und realen) Gespräche und Treffen, die auf-lock-ern, und bin auf künftige Corona-Rätsel gespannt.

Barbara

Alte Wörter im neuen Jahr

Alte Wörter im neuen Jahr

Die Wiener Alltagssprache ist allzeit bereit.

Das neue Jahr hat viel Bewegung gebracht. Vor allem in Form von gehatschten Kilometern durch Wien. Vom neunten in den dritten Bezirk, vom neunten in den sechsten, zweiten, ersten, wieder ersten. In Außenbezirke (Stichwort Park) und zur Donau mit den Wiener Linien (so weit kommt’s noch, dass ich auch dort zu Fuß hingehe). All das, obwohl ich eigentlich nicht gern spazieren gehe. „Vorteil“: Ich lerne Wien besser kennen.

Ist der Weg lang und mühsam, spricht der Wiener von einem Hatscher, ist etwas unordentlich erledigt, ist es auch hatschert. Hatschert, wie die Diplomarbeit (und auch Doktorarbeit) einer gewissen Politikerin zum Beispiel. Vorgeworfen werden „Plagiate, falsche Zitate und mangelnde Deutschkenntnisse“, mit Plagiaten und schlechten Zitaten könnte ich leben, bei mangelnden Deutschkenntnissen in Publikationen hört sich allerdings der Spaß auf. Zwinker.

Zum Thema hatschen: Ein Klassiker jener Filme, die man zur Weihnachtszeit sieht, ist Die unendliche Geschichte. Hier beantwortet die weise alte Morna, der berechtigterweise prinzipiell alles egal ist, Atreju, wo er Auskunft bekommen kann: beim südlichen Orakel. Auch wir können zu Covid-Vorhersagen in Wahrheit nur das südliche Orakel fragen, niemand anders kann es genau sagen (außer Kurz und Frau Gerda Rogers). Das Problem des südlichen Orakels: Es ist 10.000 Meilen weit weg.

Also wieder hatschen. Nett wäre es aber stattdessen auch zu tanzen, zu sitzen (gemeint sind keine Betonstiegen bei -4 Grad) und fortzugehen. Schade: Momentan gibt es kaum Gelegenheit, sich aufzutakeln. Das bedeutet: geschminkt und hergerichtet unter die Leute gehen. Meistens ist es eher abwertend gemeint und auf Frauen bezogen, natürlich. (Wie übrigens auch ein Großteil der „trendigen“ Schimpfwörter, die sich an Männer richten.) Das Wort auftakeln stammt übrigens aus der Seemannssprache und bedeutet irgendetwas im Zusammenhang mit Segeln (unwichtig, da ich bereits auf einer Luftmatratze seekrank werde).

Da kommt uns ein weiteres Dialekt-Wort in den Sinn: betakeln. Was so viel bedeutet wie jemanden (um Geld) betrügen. Vielleicht steht das auch mit dem Schiffssegel irgendwie in Verbindung, das die Sicht auf die Wahrheit verhüllt.

Oh, chique würde manche ein Portugiese zu einer Segeljacht sagen.

(Jacht sieht direkt falsch aus, weil wir so oft die englische Schreibweise Yacht lesen und sie mittlerweile offiziell sogar auch schon im Deutschen richtig ist.)

Und bei chique denken alle sofort an Paris, Frankreisch und den französischen Lebensstil. Was auch sehr gut passt, keine Frage. Aber – das würde Franzosen gewiss nicht gefallen – wer hat’s erfunden?
Die Deutschsprachigen. Es kommt nämlich vom viel älteren Wort „schicklich“, was bedeutet: etwas gehört sich, etwas „schickt“ sich (nicht).

Schwacher Trost für die Franzosen: Dafür haben wir unseren Schackl (i bin ja net dei Schackl! = Diener) vom französischen Jacques.

Ich warte also auf den Glücksdrachen Fuchur, der mich zum südlichen Orakel fliegt und wünsche für das neue Jahr, dass wir uns alle bald wieder auftakeln, uns nicht betakeln lassen, mehr tanzen statt hatschen und uns mehr Gedanken über das persönliche Glück und das der Nächsten als darüber, was sich (nicht) schickt, zu machen.

B.

PS: Die Wörter des Jahres lauten im Hebräischen übrigens Wattestäbchen, Maske und Quarantäne. Kaum verwunderlich, wobei das Wattestäbchen bei uns noch keinen so prominenten Platz hat. „Das ist alles so 2020,“ könnte man jetzt lästern.

Was wir lieber lesen, sind die lustigsten Wörter des Jahres auf Hebräisch: pupik (Bauchnabel), spannenderweise auch pupak auf Serbisch, wie ich soeben erfahren habe, und gumatz (Kniekehle). Lustige Körperteile mit lustigen Namen. Auf einen guten Platz hat es auch chamamoret geschafft. Der Kater. Nicht der, der miaut (das wäre chatul), sondern der des nächsten Tages. Momentan hat man auch das Gefühl, als wäre Januar 2021 der Kater von 2020. Hoffentlich dauert er nicht mehr sehr lange und wir können bald wieder lustige Wörter des Jahres wählen und denken.