Na serwas, Gesundheit! – Die Sprache der Innenhöfe

Motiviert habe ich am Montagmorgen des Schulbeginns die Fenster geöffnet und kurz darauf laut niesen müssen. „Na serwas!“, schallte eine Männerstimme mindestens genauso laut durch den Innenhof. Ich war wieder zu Hause.

„Gesundheit“ sagen wir im deutschsprachigen Raum normalerweise gerne, so gerne, dass es seinen Weg ins amerikanische Englische gefunden hat. Kennen Sie das? Eine Gruppe einander unbekannter Leute, die einander keines Blickes würdigt, sitzt aus irgendeinem Grund im selben Raum. Sobald jemand niest, hört man „Gesundheit!“ aus mehreren Ecken. Oft sogar noch nach dem achten Niesen in Folge, dem sogenannten Serienniesen, wird es mir manchmal freundlicherweise immer noch gewünscht.

Im brasilianischen Portugiesisch wird „saúde“, Gesundheit, gesagt, in Portugal „santinho“. Santinho – Diminutiv von Santo – ist der kleine Heilige, der vor Krankheit schützen soll. Wenn niemand niest und nur ein Schluck Kirschenschnaps Ginjinha oder die Spirituose des Caipirinhas, Cachaça, getrunken wird, wird in beiden Ländern „saúde“, Gesundheit, Prost, gesagt.

Ende dieses Sommers war ich nach mehreren Jahren wieder in Lissabon. Ich dachte über die schöne Mitleidsbekundung „Sinto muito“ nach, etwa „Ich fühle viel“, nicht nur für mich, sondern auch mit dir, Lissabon. Es war schön, wieder täglich Portugiesisch zu hören.

Im öffentlichen Raum gibt es eine andere Entwicklung als in Österreich. Im geteilten Hörraum also – obwohl dank der Ohrstöpsel heutzutage, wie die Schuljause oder die Milch im Büro, weniger gern geteilt. Denn die Durchsagen haben in Lissabon nicht zugenommen, was sehr angenehm ist. Wobei das laute Piepsen der Türen sogar Schülerinnen und Schüler aus dem Tiefschlaf (auch erste Stunde genannt) reißen würde. Gut, zugegeben, auch manche Lehrpersonen. Anwesende natürlich ausgenommen. In Österreich nehmen die Durchsagen immer mehr zu. Praktisch, aber auch ungemein nervig. Bei technischen Störungen oder grantigen Fahrern kommen sie dann sogar in Dauerschleife. Wobei der Grant in bestimmten Fällen nachvollziehbar ist. Schmunzeln musste ich letzte Woche zur Stoßzeit, als der U2-Fahrer „Sie verzögern die Abfahrt!“ bereits vor dem Öffnen der Türen abspielen ließ. Hellseherische Fähigkeiten.

Bei all den Durchsagen werden wieder die Ohrstöpsel attraktiver, wobei ich in den letzten Jahren den geteilten Hörraum vermisse. Sei es privat oder öffentlich. Auf Konzerten mit schönen Texten wie „Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft“, so viele Stimmen zu hören und mitzusingen, zeigt, wie gut er tun kann. Erinnern wir uns auch (Warnpiepsen sei auch hier zu hören, denn es wird ein wenig moralisierend), wie wichtig Kommunikation mit jenen um uns herum ist. Wenn mit Kindern und Jugendlichen (am besten erst nach 08:50) wieder mehr gesprochen wird, werden sie später auch wieder lieber und besser zuhören und lesen. Gemeinsam ein Theaterstück lesen – oder schreiben! Ich denke, dass der „Retro-Unterricht“ in der Schule ganz ohne Tablets viele positive Aspekte mit sich bringt und E-Learning als Ergänzung zusätzlich zur Verfügung gestellt werden kann. Schön ist auch zu sehen, wenn junge Studierende in der Pause miteinander Karten spielen, anstatt das Handy herauszunehmen. Es läutet, Zeit für das Mittagessen.

Während ich also ein lusitanisches Reiseziel hatte, verschlug es einen Bekannten in die Slowakei. Er brachte mir als sprachliches Schmankerl das Foto einer Menükarte mit. Die Desserts, Nachspeisen, wurden in einem Gasthaus mit „Wüsten“ übersetzt. Mahlzeit! Etwas trocken heute. Auch „Anhänge“ (Beilagen!) gab es auf der Karte: köstlich in jeder Hinsicht. Das Wort mit kleinem L schreiben wir nicht, um kein neues Gate heraufzubeschwören. Es klingt ähnlich wie „locker“, ist seine Verwendung aber nicht.

Ebenso in hiesigen Lokalen mit „italienischsprachiger“ Speisekarte darf man weder semantisch noch grammatikalisch heikel sein. Augen zu, Hauptsache, es schmeckt. In Palermo darf übrigens zu Hause die Pasta, wie oft bei uns, nicht nur mit Gabel, sondern auch mit Löffel gegessen werden.

In den ersten Septemberwochen, zurück im ganz normalen Wahnsinn, ging ich sonntags auf dem sehr ruhigen Zentralfriedhof mit geteiltem Hörraum spazieren. So ruhig, dass man den Flügelschlag der Vögel hören konnte und meine Mutter drei verschiedene Spechtarten sowie mindestens genauso viele verschiedene Tarten in der Konditorei Oberlaa zählte. Auf dem Rückweg nach Hause zeigte sie mir einen „komischen Draht“, den sie in der Jackentasche gefunden hatte: „Den heb‘ ich auf. Wär‘ ich MacGyver, wüsste ich, wie ich mich aus einer Situation rausbastel.“ Doch ganz schön, wieder in Österreich zu sein. Denn rausbasteln kann man sich in kaum einer anderen Sprache.

Kaffee am See im Clash

Nicht nur der typische Wiener der letzten Woche bringt mich zum Schmunzeln.

Im See-Restaurant im Mostviertel saßen hinter mir heute drei junge Leute Anfang zwanzig aus verschiedenen Ländern.

….

Die Engländerin ruft den Kellner:

I would like a vanilla latte!

– What?

Vanilla latte, please.

– This is not a Starbucks.

….

Da war sie etwas astounded (gerade in meinem Buch entdeckt). 🙂

Ein schönes Wochenende! B.

Die Kunst, ohne Akku zu kommunizieren

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Als ich las, dass aktuell täglich weniger Wörter als früher gesprochen werden, war ich nicht überrascht. Ein Blick auf unser Verhalten im öffentlichen und privaten Raum genügt, um diese These bestätigt zu sehen. Auch ich interagiere mehr, wenn ich kein Internet bzw. keinen Akku habe. Es geht nicht nur uns so. Das ISCTE der Universität Lissabon hat kürzlich herausgefunden, dass die Portugiesinnen und Portugiesen vor zehn Jahren mehr Freundschaften eingingen.

Wann wird mit Kindern gesprochen?

Leider bedeutet unser Schweigen auch, dass seit vielen Jahren die Sprachkenntnisse der Kinder weiterhin abnehmen. Nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit Geschwistern wird aufgrund von digitaler Ablenkung weniger gesprochen. Gerade die Interaktion mit Geschwistern spielt im Alltag der Kinder eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Wickelrucksack der Stadt Wien beinhaltet momentan die Information „Bildschirmfrei von 0-3“ – in Zukunft wird es noch mehr Initiativen in die Richtung geben.

Beschränkungen oder Verbote kommen oft ziemlich spät, wobei auch ich nicht per se immer dafür bin. Ich erinnere mich daran, Anfang zwanzig in Lissabon unten bei den Gleisen der U-Bahn geraucht zu haben und dass Busfahrer einfach aus dem Fenster rauchten. Damals waren es noch kaum Busfahrerinnen, Maria do Céu Nunes war allerdings schon 1988 als erste Frau zwischen Lissabon, Amadora und Algés unterwegs. In Palermo kannte ich etwa im Jahr 2010 die erste Frau, die Mutter eines Freundes, die diesen Beruf ausübte. 2026 wird man in Wien, Palermo oder Lissabon rauchend wahrscheinlich sogar im Gastgarten einige böse Blicke ernten, es wird selbstbewusster gehüstelt oder gefuchtelt – noch ein Vorteil, aufgehört zu haben. Sieht man Videos aus den Siebziger-Jahren zur Frage: „Schnallen Sie sich im Auto an?“, reagiert man vielleicht ähnlich verwundert, wie Menschen in ein paar Jahren zum Thema Bildschirmzeit für Kinder, ehrlicherweise aber auch Erwachsene, reagieren werden.

Ich kenn dich gar nicht, Bruder

Im Autobus kann man, wenn man nicht auf das Handy blickt, sehr gut Menschen beobachten. Letzten Montag erklärte ein französischsprachiger Vater innerhalb von drei Bushaltestellen der Tochter im Volksschulalter alle deutschen Fälle mit Hilfe bunter Stifte und eines Käsezettels auf Französisch, kurz vor dem Aussteigen konnte sie alle Artikel in die verschiedenen Fälle setzen. Wir kennen leider auch – Stichwort Brennpunktschule – (Brennpunkt auch ohne Zigarettenbrandlöcher, ich werde gleich melancholisch) viele Negativbeispiele, wo Lernen nicht funktioniert, wie es soll.

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Britischer Humor wird in bilingualen Kindergärten früh vermittelt. Vor einigen Tagen stieg eine Kindergartengruppe in den bereits sehr vollen Bus ein. Auf Englisch sagte die Pädagogin: „Schau, ich habe so viel Platz, ich könnte einen Tanz aufführen. Tu ich aber nicht.“ „Warum?“, fragte das Kind. „Weil du müde bist?“ „Ja, das ist der Grund!“, sagte sie trocken und die anwesenden Eingequetschten lächelten.

Manche Gespräche entpuppen sich als ungewollt komisch. Zwei Mädchen um die fünfzehn unterhielten sich in der U-Bahn. Das eine erzählte von einem Verehrer – wie meine Großmutter gesagt hätte. „Er so: Eine Frage, liebst du mich? Ich: He Bruder, ich kenn dich gar nicht richtig.“ Ich weiß nicht, ob die Ansprache Bruder in dem Fall die beste ist. Falls jemand Fremdes sie also unterwegs ansprechen sollte, dem vielleicht langweilig war, weil er keinen Akku mehr hat, könnten sie entweder dem „Live-Gespräch“ eine Chance geben oder einfach „Ich kenn dich gar nicht, Bruder“, (geht problemlos genderübergreifend) antworten.

Sehr erheiternd ist es auch, wenn Dinge wortwörtlich genommen werden. Ein Kind wurde unterwegs gefragt: „Hast du einen blauen Fleck?“ „Nein, einen blutigen, dunkelroten Fleck.“ Na dann!

Schließen möchte ich für heute mit den Worten des Schriftstellers Piontek: „Das letzte Wort hat die Sprache.“

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NEUES: Das Zitronenblatt bleibt gemeinsam mit dem Sprachgemisch im Standard natürlich meine Kolumne zum Thema Sprache.

Alle anderen literarischen/fiktionalen Beiträge findet ihr ab jetzt auf https://runningwords.com/, wo ich in verschiedenen Sprachen (hauptsächlich auf Deutsch) jede Woche einen Text veröffentliche. 🙂

Alles Liebe
BD

Eine Frage der richtigen Länge

Sonntag Nachmittag. Ein angeheitertes Paar Anfang zwanzig unterhält sich mit einem Drink in der letzten Reihe der Straßenbahn über die Band des jungen Mannes:

„Wir werden uns jetzt umbenennen.“
-„Ja, ich weiß, ich hab das Reel gesehen.“
„Hast es ganz angeschaut?“
-„Ja.“
‚Wow, super, das dauert nämlich zwei bis drei Minuten.“

Und, habt ihr diesen Text fertig gelesen oder nach dreißig Zeichen entnervt das Fenster geschlossen?

Hallo?