Von Tabus, Zyklopen und lustigen Redewendungen

Von Tabus, Zyklopen und lustigen Redewendungen

Und wie bald man sich international (nicht) wiedersehen möchte.

Vergangene Woche in Lissabon erhielt ich eine Nachricht eines Fremden auf Portugiesisch über Social Media, es war zirka die dritte nach „Hallo, wie geht’s?“. Sie lautete: „Was sind die Tabus, über die du nicht sprechen möchtest?“ Eine eher unpassende Art der Gesprächseröffnung. Beim Small-Talk-Seminar: „Erkundigen Sie sich, wie man hergefahren ist“, hat er anscheinend gerade gefehlt. Ich zählte sie dann in Gedanken auf, die Tabus. Mir fiel sofort das Thema Gendern im Deutschen ein, das immer für sehr viel Emotionen sorgt. Ich denke, das war nicht gemeint. Da es blöderweise Tabus waren, fand die Online-Unterhaltung hier ein jähes Ende.

So in etwa geht es vielen von uns seit bald zwei Jahren, wenn wir versuchen, über ein allgegenwärtiges Thema nicht zu sprechen oder zu schreiben und uns wünschen, Corona, die spanische Bezeichnung für „Krone“, würde sich weiterhin alltagssprachlich auf das mexikanische Mais-und-Reis-Bier mit Limette beziehen. Doch das Spannende an Tabus ist wohl, sie zu brechen, und der alte psychologische Trick: „Denken Sie jetzt bitte keinesfalls an blaue Kronen,“ funktioniert immer noch. Und, was sind Ihre Tabus so?

Erzählen Sie mir Ihre, erzähle ich meine. Nach dem Motto: „We are even, Steven.“

Ein weiterer Ausspruch, der mir öfters beim serienmäßigen (binge watching) Folgenschauen ins Auge gesprungen ist, lautet: „Look me in the eye“ – Yes. In welches? „The eye“ klingt irgendwie verdächtig nach monatelanger Seekrankheit und Zyklopenhöhle mit Scha(r)f.

Inselromantik dank Venus

Dann lieber doch direkt auf die Insel und nicht auf dem Wasser bleiben. Ich erhielt dieser Tage ein Werbemail eines Reisebüros mit der überhaupt nicht persönlichen Frage: „Sie planen zu Heiraten?“ Schrieben sie heiraten klein, hätte ich beinahe „Ja“ gesagt. Danach kamen wunderschöne Inseln auf Bildern zum Vorschein, die das Verb fast wieder kleiner erscheinen ließen. Ich warte trotzdem dann doch lieber auf die nächste Heiratsmail. Denn wie meine Lieblingsastrologin, Frau Gerda Rogers, letzten Sonntag versprach (nicht mir, aber man bezieht natürlich gerne alles auf sich): „Ich bin überzeugt, die Venus rast nicht an Ihnen vorbei.“

Zum Thema Strand passt aus geografischen Gründen auch der vor etwas längerer Zeit getätigte Ausspruch eines Politikers zu Epidemie-Regelungen: „Und wenn etwas in Italien funktioniert, dann soll man das nicht immer neu umsetzen wollen, sondern genauso machen.“

Wie bald man sich international wiedersehen möchte

Uns verbindet ja viel mit Italien, nicht nur Melanzani, Maroni, Zucchini und vegane Reisgerichte. In Italien wird im öffentlichen Leben auch ähnlich wie bei uns verabschiedet, und zwar mit dem berühmten „Arrivederci“ – auf Wiedersehen. Wann man sich wiedersieht, das lassen wir offen. Die Portugiesen sind da zuversichtlicher und sagen liebend gerne „Até amanhã“ – bis morgen, was besonders bei nicht tagtäglich aufgesuchten Orten wie Friseursalons lustig ist. Die etwas Älteren antworten daraufhin zweifelnd: „Se Deus quiser.“ (So Gott will.)

In Madrid zeigt man sich noch zuversichtlicher und sagt beim Abschied: „Hasta luego!“ – bis später – sehr sympathisch. Wer weiß, ob sich die Wege nicht wenige Stunden später wieder kreuzen? Diese Einstellung würde auch erklären, wieso Tag und Nacht so viele Menschen unterwegs sind, sie nehmen wohl die Verabschiedung beim Wort und müssen ihr Versprechen einhalten und noch schnell einmal beim Obststand vorbeischauen. Der Taxifahrer, der mich vergangene Woche zum Flughafen Madrid führte, sagte „Adiós!“ und rief mir dann, was sehr schön war, noch ein „Hasta luego!“ nach. „I’ll be back“ – dachte ich.

Falls der böse Terminator aus dem ersten Film Ernst macht, könnten die Maschinen für einen Blackout sorgen oder aber für ein Blackout. Seitdem von dieser stromlosen Gefahr in den Medien die Rede ist, wurde aus „das Blackout“ verstärkt „der Blackout“. Man vergleiche früher: „Mit dem Sedlacek hab‘ ich auf der Firmenfeier rumgeschmust? Ich hatte wohl ein Blackout!“ und heutzutage: „Österreichische Unternehmen rüsten sich für einen Blackout.“ Verständlich vor der Firmenfeiern-Weihnachtszeit. „Österreichische Unternehmen rüsten sich für Burn-outs“ wäre vielleicht wichtiger.

Besonders gerne mag ich das Wort Level. Schon in der Volksschule, als Super Mario der Mühlviertler Sonne in den Sommerferien vorgezogen wurde, diskutierten wir, ob es nun „das“ oder „der“ Level hieße. Man brauchte wohl Suchmaschinen. Die einzigen Suchmaschinen, die wir hatten, waren unsere dicklichen Bauernhofkatzen. Sie fanden immerhin die Maus, was mir bei „Work&Travel“-Versuchen Schwierigkeiten bereitet. Ich verschustere übrigens regelmäßig den für die Maus so wichtigen kleinen, schwarzen USB-Stecker. Das in Österreich gebräuchliche Wort „verschustern“ ist befreundet mit „verschmeißen“, kann aber auch heißen, eine Chance zu vergeben, beim Fußball etwa.

Lassen wir uns die Chancen nicht entgehen, uns bald wiederzusehen.

In diesem Sinne: Bis morgen.

Barbara

Herbststimmung: Veganer-Eis oder lieber ein warmer „shawl“?

Herbststimmung: Veganer-Eis oder lieber ein warmer „shawl“?

Die kühlen Temperaturen erfordern neue Worte!

Ich bin zurück aus Italien. Doch Italien ist auch hier! Auf dem Weg ins Café traf ich auf dieses nette Schild:

Eis aus Veganern?

Es schmeckt zwar sicherlich sehr gut, aber es sind ein paar Fehler im Eis … nein: Schild! Wie viele findet ihr? Veganer Eis sind zwei Wörter, die recht unmotiviert nebeneinander stehen (klingt nach meinem letzten Date). Bei Wörtern, Zahlen und Buchstaben geht es, wie bei allem im Leben, hauptsächlich darum, eine Beziehung darzustellen oder herzustellen. Ist das Adjektiv „veganes Eis“ gemeint oder der Begriff Veganer-Eis (auch in Ordnung, dann aber mit Bindestrich). Oder es gibt hier Veganer und Eis, was auch stimmt, allerdings ist nur das Nicht-Milchprodukt käuflich.

Interessant sind auch Heidelbeer und Himbeer. Brom- und Him- kommen übrigens sonst als Präfixe in keinen anderen Wörtern der deutschen Sprache vor, sind gebunden an die Beere. Lustig ist auch, dass nicht-wörterbuchkonform „Heidelbeere“ geschrieben wird, sondern das für den mündlichen Sprachgebrauch in der Kombination mit Eis üblichere Heidelbeer ohne e am Ende.

Der Bindestrich, der bei dem Veganer-Eis (ganz hip in Speisekarten auch gern veganer.eis kursiv geschrieben), ist heruntergefallen und hat ein Dunkle-schokolade-Wort gebildet. Hier braucht man ihn weniger, dafür bräuchte die Schokolade ein großes S.

Wer ganz genau schaut, hat auch auf dem Schild dahinter Kaffe entdeckt. Auch wenn ihn unsere Nachbarn aus Deutschland so aussprechen, wird er trotzdem Kaffee geschrieben. Doch die Italiener haben hier voraussichtlich ihren Caffè eingedeutscht mit K, kein schlechter Ansatz!

Ins Café geht man, den Kaffee trinkt man.

Da es den Wörtern, Buchstaben, Menschen und Molekülen (?) um die Beziehung zueinander geht, betrifft das auch Sprache an sich. Die kommunikative Aufgabe dieses Eisschildes ist gänzlich erfüllt, die Message angekommen. Ich sehe vor meinem inneren Auge zwei blaue Häkchen. Deshalb machen diese Fehler überhaupt nichts, höchstens das Geschäft sympathisch! Der kommunikative Zweck ist erfüllt.

hip hipper – am hipp(e)sten

Hip Hop (hip-hop)

Hipster

Hippie:  earlier (1953) a variant (usually disparaging) of hipster (1941) „person keenly aware of the new and stylish“ 

Wir staunen. Ein Hippie war bereits eine Variante eines Hipsters. (Zum Glück nur sprachlich.)

So neu sind unsere hippen Wörter auch wieder nicht, wie man sieht.

Aber jetzt … a bit more of bella Italia. Als ich in Italien ankam, lief im Bus von Catania nach Palermo das Radio und das Thema war Ablenkung am Steuer. Hoffentlich lenkte dieser Radiobericht nicht wiederum unseren Busfahrer ab. Ein Autofahrer wurde bestraft, weil er einen Teller Pasta am Steuer aß. Alle Achtung! Uns „Nicht-Italienischen“ gelingt das nicht einmal, ohne dabei ein Auto zu lenken; die langen Nudeln ohne Löffelhilfe elegant mit Soße auf der Gabel zu behalten! Complimenti! Wahrscheinlich blieb sein frisch gebügeltes Hemd (Grazie, mamma) sogar sauber dabei.

Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Sizilien macht Spaß. Ich fuhr Tage später von Palermo nach Cefalù, als mir ein besorgter brasilianischer Bekannter schrieb: „Pass gut auf dich auf.“ Ich reagierte cool: „Überhaupt nicht gefährlich“. In Cefalù wollte ich Luciano treffen, der von der anderen Seite der Küste mit der Bahn nach Cefalù kam. Ich erhielt eine Nachricht und einen Anruf auf Englisch (um nicht von allen verstanden zu werden) von ihm: „Es gab eine Schlägerei im Zug. Er musste angehalten werden, die Polizei ist da.“ Ups, verschrien.

War es ein Clown? Nein, aber es war eine Geschichte mit Zivilcourage. Schockierend fand ich hingegen die Mariahilfer Einkäuferinnen und Einkäufererer, die zusahen, als ein Clown (es klingt wirklich zu absurd um es auszuschreiben) auf eine Frau einschlug. Jemand bemerkte sogar, dass da etwas nicht ganz in Ordnung war, reagierte und …..

….. filmte! Klar. Was sonst? Der Clown hatte Glück, dass ich nicht in der Gegend war, ich habe es schon seit ES in den 90er Jahren auf ihn abgesehen. Kiiiiap!

Man könnte auch statt der unerfreulichen Nachrichten ein Buch lesen. So getan meine Mutter, auf Englisch. Und entdeckt: Es gibt viele schottische Wörter, die sehr an das Deutsche erinnern.

I dinna hold wi‘ your secrets, and a secret that the hail toun kens!

Ich like hail taun für whole town. Besonders verzückt bin ich bei kens mit k, wie kennen. I ken it. Falls euer Kind so bei der nächsten Englisch-Schularbeit schreibt, sagt einfach, „That’s Scottish English!“

Und bei besonders Hartnäckigen: He kens your secrets!

Ich wickle mich jetzt in meinen shawl (Englisch für großes Tuch, klingt aber schal/Schal, Germanisten-Witz, sorry, pals) und trete dem Herbst entgegen. Falls ihr noch mehr Fehler auf dem Eisschild entdeckt habt, die ich nicht gesehen habe, freue ich mich für euch. 😉

Schönen Herbstbeginn und lasst euch nicht von Clowns beißen!

Barbara

Geisterfahrer schnell und rasch mit Zahnpasta unterwegs

Geisterfahrer schnell und rasch mit Zahnpasta unterwegs

Bei meinem traditionsreichen Hören der ö3-Sternstunden sonntagabends kommen manchmal auch Geisterfahrermeldungen. Heutzutage folgt auf die deutsche Warnung sinnvollerweise auch eine in englischer Sprache. Leider wird hier aber nicht vor einem „ghost driver“, dieser wäre gut bildhaft vorstellbar, gewarnt, sondern nur, dass jemand in die „wrong direction“ fährt (und somit ein wrong-way driver wäre). Ich frage mich: Wie heißen die Geisterfahrer in anderen Sprachen oder fahren sie prinzipiell nur in Österreich, weil es sie ja in anderen Sprachen nicht gibt? (Haha)

Ich glaube, alle anderen müssen ihn umschreiben. Eine sprachliche unübersetzbare Besonderheit unserer Geisterfahrer.

Wenn Sie einen sehen, machen Sie bitte ein Lichtbild von ihm. Ein aus unserem Wortschatz verschwindender Begriff, schade eigentlich (außer in Listen, welche Dokumente man vorzulegen hat – zwei Lichtbilder!).

Apropos Beamtensprache. Letzte Woche half ich einer Brasilianerin mit der österreichischen Bürokratie. Vielleicht. Ob ich wirklich half, ist bis heute unklar und wird auch nie gänzlich zu klären sein. Ich versuchte à la Kafka möglichst viele Informationen zusammenzutragen und Vielleicht-Verantwortliche zu kontaktieren, was in weiteren Umleitungen und eher noch größerer Verwirrung mit Warten endete. Ich rief dazu auch im Außenministerium an, wo sie übrigens sehr freundlich waren. Der junge Mann sprach weiterleitend von den Botschaften in Laibach und Pressburg. Pressburg, ahja. Gehört in der Jugend! Ich musste kurz von Deutsch-als-Kind auf Deutsch-halt-jetzt übersetzen, um zu wissen, um welche Städte es sich handelte. In Pressburg mit dem Bratislover also.
Das Gleiche in Grün passierte ein paar Tage früher, als ich mit einem Freund über das kroatische Restaurant Ragusa sprach. Wo liegt Ragusa? Ganz klar im Osten Siziliens, certo! Aber auch nein: Ragusa ist auch der alte Name von Dubrovnik.

Interessant ist die sich verändernde Namensgebung von Städten, zu der man wahrscheinlich eine Doktorarbeit schreiben oder ein Pubquiz veranstalten könnte.

Wien wird übrigens auf Spanisch und Portugiesisch nicht Vienna, sondern (sie mögen Doppelkonsonanten nicht sehr) Viena geschrieben. Was ihr mit dieser Information Nützliches anfangen könntet, bleibt fraglich, ist aber wiederum nicht mein Problem. Vielleicht geeignet zum Sympathiepunkte sammeln beim im Dunkeln im Flieger wackligen Ausfüllen des Einreiseformulars für Menorca, São Tomé oder Honduras.

Mehlspeise und Melange oder doch Brühe?

Wien. Kürzlich im Café im 19. bestellte ein deutsches Paar auf Wien-Urlaub stolz mit leichtem Zittern, ganz wenig verdächtig ausgesprochen (als Mission-Impossible-Spion mit Ferrero Waldner-Gesichtsmaske müsste noch geübt werden) eine „Mehlspeise“ und eine „Melange“. Lobenswert, dass sie in der Sprache der Einheimischen oder, wie man so schön sagt, locals oder früher schön abwertend Eingeborenen versuchen zu kommunizieren.

Als Ausgleich dafür, dass unsere Jugendlichen teilweise etwas weniger typisch-österreichisch sprechen, gelinde gesagt – oder hat’s Gelinde gesagt?

Dieses „gelinde“ kommt übrigens aus Althochdeutsch *lind und wer aufgepasst hat, (der Lieblingsspruch vieler L.) findet es auch bei „Schmerzen lindern“.

Es wurde auch für Speisen verwendet, so schrieb Anna Wecker in ihrem Kochbuch (nein, das Rezept wurde im 16. Jahrhundert nicht auf YouTube gestellt, wieder so ein Lehrer-Scherz):

„… geuß die brüh darüber/daß sie ein wenig lind werden“

Ein guter Rat, wie „wir“ finden: Schmeckt es nicht, ist es zu scharf oder versalzen, einfach Brühe darüber leeren.

Na dann Mahlzeit!

Danach das Zähneputzen nicht vergessen! Am besten mit einer absolut angesagten Zahnpasta wie jener bei Bipa, die (ich lüge nicht, Bruder) „Vegan freundlich“ ist. Mit Kokos und allem Drum und Dran. Endlich! Ich bin ehrlich gesagt auch diese Vegan unfreundlichen Zahnpasten leid! Mit Bildern von klatschenden, hämisch lachenden Fleischhauern und Kebab-Geschmack.

Wo wir beim Thema Unsinniges sind. Vor zwei Wochen meinte eine niederösterreichische Politikerin zum Thema Impfen: „Das muss jetzt rasch und schnell erfolgen.“ Also ja? Rasch UND schnell? Ich würde sie gerne befragen, worin sie den Unterschied zwischen rasch und schnell sieht. Vielleicht schnell Impfwillige finden und dann rasch zustechen.

Um dann innerhalb des 3G-Netzes gerüstet zu sein. Diesbezüglich meinte unlängst ein lockerer Kellner: „Wenn sie kommen, müsst es halt haben.“ SIE kommen! Ich musste unweigerlich an Außerirdische denken.

Wären sie eine Zeit lang hier bei uns, würden sie wahrscheinlich, wie es kürzlich einem Bekannten aus den USA passierte, zurück in ihrer Heimat auf Außerirdisch auch alle Sätze im Gespräch mit „Ja, … “ bzw. „Naja, … “ oder „Nein …“ beginnen. Wir bestärken nämlich hierzulande, während wir Konversation führen. Wiederum etwas, was man als perfekter MI-Spion wissen sollte. Akzentlos alleine reicht nicht aus, Darling. Der Freund des US-Amerikaners sagte dann als Reaktion: „Stop saying yes or no!“ Ja, das finden wir auch.

Nein, wie? Ich fahre jetzt rasch und schnell nach Pressbaum (im Zug gibt es zum Glück wenig Geisterfahrer, höchstens Geistersitzer), um mir dort eine Vegan freundliche Zahnpasta für meinen Ragusa-Urlaub zu besorgen.

Schönen Abend und einen linden Wochenstart!

B.

„bub“ verschollen im US-amerikanischen Feierabend

„bub“ verschollen im US-amerikanischen Feierabend

Warum das kein Schmafu ist, no offense.

Wir beginnen mit der Auflösung des Monats-Rätsels. Die rational-naturwissenschaftliche Herangehensweise an mese solare und mese lunare ist interessant, ich bekam sie als Antwort, aber – ihr habt es vermutet – nicht die italienische Erklärung, wann man denn nun parken darf. In Rom in einem Restaurant, was auch bedeuten kann mitten auf der Straße, es werden einfach Tische hingestellt, wo gerade Platz ist, sah ich vor mir ein Parkschild: erlaubt von bis (mese solare).

Die italienische Erklärung: das mese solare ist der erste (1.) bis letzte (max. 31.) Tag eines Monats, das mese lunare meint die Dauer eines Monats, theoretisch anscheinend 29,5 Tage, Frauen haben es hier mit der zeitlichen Orientierung etwas leichter. Ansonsten kann man nachsehen, ob der Mond in etwa gleich groß ist wie vor einem Monat. Also, wenn ihr gerade in Rom oder sonst wo in Italien einen Parkplatz sucht (ich wünsche es euch nur bedingt), seid ihr jetzt bestens informiert. Man könnte noch schöne Sonnen und Monde dazumalen, für jene, die der Sprache nicht mächtig sind, auch bei uns auf das neue, weltweit gültige Parkpickerl.

In Palermo geschah es den geparkten Autos in meiner Straße ab und zu, dass Teile davon verschollen gegangen sind (wie etwa Radkappen). Vorher sah man ambitionierte junge Männer beim Werken. Verschollen kommt übrigens nicht vom verloren gegangenen Pinguin auf der wegtreibenden Eisscholle. Leider. Sondern – surprise, surprise – von verschallen, also verhallen, verklungen und ist das veraltete 2. Partizip. Ich verschall, ich bin verschollen, könnte ein Ton sagen. Falls ein Ton einen Ton machen kann. Das wird zu philosophisch.

Verschollen sind viele Arbeitnehmer übrigens auch kurz nach ihrem (teils selbst bestimmten) Feierabend – der in Österreich gefühlter Weise schon um 16.30 bzw. freitags um 13.00 beginnt, während da von eins bis vier Südeuropäer gerade ihre dreistündige Siesta halten und bis abends dann noch nicht den Abend feiern. Ein befreundeter Spanier in Madrid schaute mich um 21.00 stolz an und sagte: „Möchtest du jetzt schon das Abendessen bestellen? Ich hab‘ mich extra darauf eingestellt, ich weiß, ihr esst ja so früh.“

Feierabend.

Ein sehr sympathischer Begriff des Deutschen, den ich in anderen Sprachen nicht kenne, es gibt auch keine wörtliche Entsprechung für unseren Feierabend, die mir bekannt wäre. Zu feiern gibt es auf jeden Fall, dass die Arbeit vorbei ist. Das Wort stammt ja von mittelhochdeutsch arebeit und seinen Vorstufen und bedeutet schlichtweg: Mühsal.

An manchen Feierabenden wird dann doch zu viel gefeiert. Das kommt dann teuer. Als ich vergangene Woche (an meinem Feierabend) in einem Lokal saß, redeten zwei Mädchen Anfang zwanzig miteinander, als die eine von ihnen meinte:

„Dafür muss ich tief ins Dekolleté greifen.“ Dekolleté oder Portemonnaie? Da keine der beiden lächelte und das Gespräch ernsthaft fortgeführt wurde, kann davon ausgegangen werden: Es war ihnen nicht bewusst.

Die beiden jungen Damen mit dem Griff ins Klo, Portemonnaie, nein, Dekolleté, waren übrigens große Fans von Anglizismen, hier ein paar Auszüge des Gesprächs:

„By the way….. ja und…. no offense, aber… es war schon sehr fancy…. das wird dann nicht so schlimm, wenn wir das durch drei splitten.“

Das fancyschmancy buzzword (Schlagwort) lassen wir ihnen noch durchgehen.

Listen up, bub!

Andere verbringen ihren Feierabend lieber mit einer Serie oder einem Film. Als ich (again, ups) vor ein paar Tagen Modern Family gesehen habe, sagte Mitchell am Telefon zu Cam:

„Listen up, bub!“

Ich spulte gleich zwei Mal zurück und mein germanistisches Herz machte einen Freudensprung über diesen Bub. Vom Verlobten meiner Freundin, der praktischer Weise US-Amerikaner ist, wurde bestätigt: „Ja, das kenne ich, baaab“ und sie voice-whatsappte mir seine Aussprache zu Studienzwecken. Der Wiener Bub in den USA also.

Alles ein Schmafu? Ja, gut möglich! So ein Schmafu!

Der ostösterreichische „Schmafu“ ist aus dem französischen Satz „je m’en fous“, also „ich mach mir nichts draus“ entstanden, großartig!

Und diesen Satz sollten wir uns auch zu Herzen nehmen, wenn es, wie so oft, etwas zum Ärgern gibt! „Je me …ähm … Schmafu!“

Zum Abschluss ein nicht schönes aber inhaltlich doch wieder schönes Graffiti aus Italien:

Mai più coprifuoco.

Nie wieder Lockdown ;), wortwörtlich Sperrstunde, wie couvre-feu, worüber ich Ende letzten Jahres geschrieben habe, das Feuer muss in den Latin(o)-Sprachen noch abgedeckt werden!

Wollen wir es hoffen. Nie mehr.

Das nächste Mal erfahren wir, was Erdnüsse auf Serbo-Kroatisch lautmalen – oder laut mahlen!

Bis dahin schönen Urlaub oder Feierabend, und wenn es zu viel Arbeit gibt, tut auf fancyschmancy oder einfach schickimicki und denkt: „Schmafu! Je m’en fous!“

B.

Blitzgewitter, Sprach-Mischungen und Spompanadeln

Blitzgewitter, Sprach-Mischungen und Spompanadeln

Manches wird so skurril, dass wir baff sind.

Der sicherste Weg etwas nicht zu tun, ist, es vorher groß anzukündigen. Das betrifft nicht nur Diäten, Radausflüge, Rauch-, Nasch-, Trinkpausen, Öffnungsschritte, Wahlversprechen und Besserungsschwüre, sondern auch Sprachkolumnen, die sich still und leise in die Sommerpause nach Südeuropa verabschiedet haben. Man verzeihe ihr die Abwesenheit. Das Zitronenblatt hat nun Sonne getankt und ist mit neu gesammelten Zitronenwörtern, grammatikalischen Stacheln und Sprachwurzeln zurück.

Da seid ihr jetzt baff.

Erst vor wenigen Tagen las ich diesen Ausdruck wieder und bemerkte, dass ich nicht weiß, woher er kommt. Die etymologische Erklärung ist unterhaltsam und wirkt zum Glück heutzutage skurril (lateinisch scurrilis, zu: scurra = Witzbold):

baff sein

sprachlos sein
 ♦ 
der Ausdruck ist lautmalerischen Ursprungs und ahmt den Schuss eines Gewehres nach; schon im 17. Jh. war die Wendung baff sein eine Bezeichnung für jemanden, der dasteht, als wäre er von einem Schuss erschreckt worden.

Ich bringe auch ein echtes Beispiel, wie man es auch bei Deutschlernenden immer anbringen sollte, denn die selbstgebastelten Sätze der unauthentischen Sprachverwendung lehren keine lebende Sprache, sondern höchstens die Anwendung in Lückentexten (die es in der Realität auch nicht gibt, außer fernmündlich bei schlechter Verbindung oder bei Beziehungsenden, die aus missverständlichen WhatsApp-Chats bestehen, hier werden naturgemäß Namen, Uhrzeiten und andere Fakten ausgelassen).

Das Beispiel:

Erst war ich baff, dann bekam ich große Lust dazu. (Die Zeit, 25.06.2003, Nr. 26).

Ja. Das kennen wir.

Baff war ich auch, als eine in die Medien gekommene Online-Fitness-Trainerin aus dem 11. Bezirk sagte: „Ich zeige euch tolle Core-Übungen.“ Dieses „Core“ sprach sie Wienerisch-Englisch aus, was diesen Satz hervorbrachte: „Ich zeige euch tolle Chor-Übungen.“ Was genau ist der kommunikative Wert einer solchen Sprachmischung? Der Vorteil der deutschen Sprache ist, nein nicht, wie man annehmen müsste, ihr romantisches Ausdrucksvermögen, sondern dank Präfixverben (also ver-, um-, zu-, weg- usw.) und Zusammensetzungen: die Exaktheit, weshalb sich philosophische Texte gut auf Deutsch lesen lassen.

Englisch zeichnet sich anderwärtig aus. (Durch ein sehr großes Vokabular zum Beispiel). Ich habe ein paar Übersetzungen für die Chor-Fitness-Trainerin gesammelt.

Hardcore. Core ist nicht gleich Core:

  • der Kern  Pl.
  • die Ader  Pl.: die Adern
  • das Herzstück  Pl.: die Herzstücke
  • das Innerste  kein Pl.
  • das Kerngehäuse  Pl.: die Kerngehäuse
  • das Kernstück  Pl.: die Kernstücke
  • das Mark  kein Pl.
  • das Kernhaus  Pl.: die Kernhäuser
  • das Mittelstück  Pl.: die Mittelstücke
  • der Schacht  Pl.: die Schächte
  • der Innenteil  Pl.: die Innenteile
  • das Innenteil  Pl.: die Innenteile
  • der Core   [Spieltheorie]
  • der Bohrkern  Pl.: die Bohrkerne
  • der Magnetkern  Pl.: die Magnetkerne
  • der Rollenkern  Pl.: die Rollenkerne
  • der Spulenkern  Pl.: die Spulenkerne
  • der Ventileinsatz  Pl.: die Ventileinsätze
  • die Einlage  Pl.: die Einlagen
  • die Hülse  Pl.: die Hülsen   [Papier und Zellstoff]
  • der Gusskern  Pl.: die Gusskerne
  • die Kabelseele  Pl.: die Kabelseelen
  • der Eisenkern  Pl.: die Eisenkerne
  • das Gelege  Pl.: die Gelege   [Hebetechnik]
  • der Grundkörper  Pl.: die Grundkörper   [Schleiftechnik]
  • der Trägerkörper  Pl.: die Trägerkörper
  • die Seele  Pl.: die Seelen
  • der Nukleus  Pl.: die Nuklei
  • der Silbengipfel  Pl.: die Silbengipfel
  • der Silbenkern  Pl.
  • die Kerndichtung  Pl.: die Kerndichtungen   [Wasserbau]
  • der Hülsen-Innendurchmesser
  • der Dämmkern  Pl.: die Dämmkerne
  • der Dichtkern  Pl.: die Dichtkerne
  • der Einbruch  Pl.: die Einbrüche
  • die Innendichtung  Pl.: die Innendichtungen

Na, wusstet ihr, dass Kabel Seelen haben?

Eine weitere Frage, die sich bei häufigen Sprachmischungen mitten im Satz auch stellt, ist: Weshalb müssen politisch korrekte Begriffe Englisch sein? Sind sie sonst weniger korrekt? Muss es Awareness-Teams, LGBTQIA und Body Positivity heißen? Schließe ich damit sprachlich nicht wiederum Menschen aus, die diesbezüglich nicht informiert sind oder kaum Englischkenntnisse besitzen?

Wenn ich sprachsensibel mit einem Thema umgehen möchte, macht es Sinn, mich darüber mit den Menschen (in meiner direkten Umgebung, vor Ort, nicht über Twitter) zu unterhalten und Sprachbarrieren abzubauen.

Apropos Anglizismen. Leider hat ein gutes Lokal bei mir um die Ecke bis jetzt nicht mehr aufgemacht, dafür aber die Präsenz im Bezirk Neubau verstärkt, was wir jetzt weniger liken. 😉

Das Lokal neigt zudem in letzter Zeit sehr zum Sprachmischmasch auf SM.

Social Media, was denkt ihr?

„Schnapp dir deine two best friends und kostet euch durch unsere OPENING-PARTY.“

(Vielleicht ein raffinierter Weg, dem Gendern bzw. Gegendere zu entgehen?)

Eins zwei oder drei

… letzte Chance … vorbei! Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.

1. Macht’s Spompanadeln! Ein schönes österreichisch-umgangssprachliches Wort, das es nur in der Mehrzahl gibt (ein Pluraletantum also) und wir dem Europameisterschaft- und Songcontest-Gewinner des Jahres verdanken. Da ich auf ihn bereits vor Austragung der Wettbewerbe gesetzt habe, verdanke ich ihm auch meine nächste Italienreise. Grazie, ragazzi. Herkunft: italienisch spampanata = Aufschneidereien.

2. Wenn ihr in Wien seid: Besucht eines der neuen Rooftop-Lokale (oh wow, ihr habt mich erwischt, ich wurde „eh auch“ sprach-gechipt, OH MY GOD, total crazy) am Prater. Die Ringelspiele oder dialektaler Drahdiwaberl von oben zu sehen hat vor allem abends viel Charme!

3. Ein Vorschlag für ein schöneres Filmerlebnis, denn das nahende Gewitter legt einen gemütlichen Filmeabend nahe: Statt mit „Bullshit“ zu synchronisieren, bin ich eindeutig für eines dieser Wörter: Mumpitz (aus dem 19. Jahrhundert, Berliner Börsenjargon), Unsinn, Humbug, Schmarr’n, Nonsens oder Blödsinn. Genauso wenig sprachlich wertvoll ist für mich der Ausdruck Shitstorm, also Scheiße-Sturm (*räusper*), der sogar in den ZIB-Nachrichten verlesen wird. Ich stelle mir dabei immer einen Volle-Windel-Tornado vor.

Das Bored-Out des gelangweilten Büromitarbeiters im Gegensatz zum Burn-Out ist eines der Trendwörter der letzten Zeit, mit dem ich mich anfreunden kann. Es ist auch schöner, Langeweile als ein Burnout zu haben.

Mit diesen Worten: Schönen Sonntagabend!

Und als Italien-Quiz für nächstes Mal:

Was versteht man unter einem mese solare (Sonnenmonat) im Gegensatz zu einem mese lunare (Mondmonat)?

Alles Liebe

Barbara

Partypreise statt Partyreise – von reizlosen Reizen im Lockdown

Partypreise statt Partyreise – von reizlosen Reizen im Lockdown

Warum sich *reiz- aktuell hervorragend zur Wortbildung eignet und was wir international essen.

Ich widme die heutige Kolumne meinem Universitätsprofessor Franz Patocka. Während des gesamten Studiums (das waren viele Jahre, war ich doch dazwischen jahrelang im Ausland und lernte alles mögliche Andere als Germanistik, wie z. B. brasilianische Samba/Axé-Choreografien und sizilianische Rezepte und Sprichwörter) besuchte ich spannende Seminare und Vorlesungen bei ihm zum Thema Sprachwissenschaft. Es ging um bairische Dialekte, also unsere, Fachsprachen der Arbeitswelt, Syntax (Satzbau) in schriftlicher und mündlicher Sprache und vieles mehr. Ich schrieb auch meine Diplomarbeit zur Wortbildung bei ihm, bei der ich endlich – spät aber doch – dank seiner strengen Verbesserung auch noch die richtige Kommasetzung, den Unterschied zwischen den Bindestrich-Längen und mehr lernte.

Zu einem Seminar zu Fachsprachen gab es in einem Semester nur zwei Anmeldungen. Prof. Patocka lachte und sagte scherzhaft, er werde eine Alternative für mehr Zulauf anbieten, könne uns aber genauso gut etwas über diese Fachsprachen im Kaffeehaus erzählen, wenn wir wollten.

Sein trockener Humor und seine sprachwissenschaftliche Arbeit haben sehr viele Studenten und auch Kollegen über Jahrzehnte beeinflusst. Er unterrichtete bis jetzt, noch im Wintersemester 2020, auch nach seiner Pensionierung weiter und es macht mich sehr traurig, dass er vor wenigen Tagen von uns gegangen ist.

Was uns momentan im alltäglichen Lockdown-Leben fehlt, sind die Reize. Unsere Umgebung (Homeoffice = Zuhause und die Parks, die wir auswendig kennen) ist reizarm geworden, fast alles erscheint reizlos. Was folglich dafür sorgt, dass wir reizbar und gereizt statt reizend sind. Neue Eindrücke kommen nur in digitaler Form zu uns, was ein Gefühl der langsamen Verblödung hervorruft. Nach dem Motto: langsam aber sicher. So legte ich mein Buch gestern weg, um stundenlang durch grüne Röhren zu klettern und feuerspeiende, fleischfressende Pflanzen und gemeine Männchen auf Wolken zu bekämpfen (Super Mario). Andere sehen stundenlang Netflix-Serien oder liegen, wie auch ich kürzlich, mit gequält-fröhlichem Gesichtsausdruck bei etwa 10 Grad, gefühlt -5 dank Wind, bibbernd in irgendwelchen Wiesen.

Auf der Facebook-Seite der Büchereien Wien gibt es heute wieder einmal einen sehr amüsanten Beitrag dazu:

„Der große Vorteil des Arbeitens ist ja, dass man in der Zeit zumindest nicht spazieren gehen muss.“

Die Bild-Zeitung berichtete vor einigen Tagen vom Ösi-Wunder, bei dem es um irgendetwas ging, das hier besser klappt. Was das Wunder genau war, weiß man schon nicht mehr, da sich zurzeit die Nachrichten täglich ändern und überschlagen. Am besten man steckt, wie Super Mario und Luigi (Ciao, bello), den Kopf in einen leeren Blumentopf.

Bis der Hunger kommt. In meinem Buch las ich von „Karbonade“, aus dem Französischen: auf Kohlen geröstetes Fleisch. Das ist gleichbedeutend mit carbonata im Italienischen, Italienische carbone, Latein(isch haha) carbo, also Kohle. Was mich an die Carbonara erinnert. Die etymologische Herkunft des Namens dieses einzigartigen Pasta-Gerichts (piatto ist sowohl der Teller, als auch Gericht) ist umstritten. Wahrscheinlich kommt er daher, weil sie die carbonai (dt. Köhler/Kohler, Kohlenbrenner) aus den Abruzzen zur Stärkung nach getaner, harter Arbeit zubereiteten. Bravi!

In Österreich und ein paar Nachbarländern ist es durchaus legitim, ein süßes, warmes Mittagessen zu genießen, wie Apfelknödel, Buchteln, Kaiserschmarrn und mehr. In Italien, Portugal, Frankreich usw. reagierten die Leute daraufhin genauso aufgeschlossen wie ich, als ich in Japan zum Frühstück im Ryokan, jap. 旅館, wortwörtlich Reisegasthaus, Suppe und rohen Fisch bekam.

Eine Mahlzeit im Ryokan, in Hakone.

Japan war sehr schön, spirituell und keine klassische Partyreise, wie damals Ios, Ibiza und manchmal auch Lissabon. In der U-Bahn-Station Schwedenplatz gab es (gibt es noch?) ein Reisebüro für Last-Minute-Reisen. Da ich immer schon ständig dort vorbeiging, war auch die Buch-Versuchung für die nächste Partyreise zu Studentenzeiten groß.

Neu ist jetzt rechts und links der Rolltreppe Richtung Eissalon etwa 83.746.364 Mal die gleiche Werbung nebeneinander. Ich las vor wenigen Tagen Partyreise (Freudscher Verleser). Wobei der Supermarkt aber leider mit Partypreisen lockte. Was für eine Party bitte? Ich möchte dann bitte lieber Ios+, das wäre dann Mykonos. Wie viele Rabattmarkerl brauche ich dafür?

Thema Reisen (die Jüngeren von euch wissen vielleicht nicht mehr, was das war): Eine Freundin von mir plant momentan einen längeren Aufenthalt in Mexiko. Das erscheint uns allen im Augenblick so in etwa wie ein Flug im Mars-Hubschrauber mit dem schönen Namen Ingenuity, der Farb-Fotos, die an bestimmte Gebiete Mexikos erinnern, schießt. BITTE LÄCHELN.

Ich bevorzuge zurzeit die Trend-Region Wagram. Die ÖBB bewirbt sie in der Bahn mit den sehr interessanten Adjektiven: abgehoben . bodenständig. (Mit Punkt in der Mitte, kreative Satzzeichenfreiheit? Soll ein Schlaf-Wagen durchpassen?) Also sowohl für Snobs, als auch für Leute auf der Suche nach nicht-japanischen traditionellen Wirtshäusern? Ist abgehoben etwas, was man möchte, fragt man sich da. Aktuell wohl ja, wir wollen abheben und am liebsten mit einem Hubschrauber auf dem Mars herumfliegen. Darauf spazieren bitte nicht.

Ja, fliegen…

Als ich vorgestern durch den Donaupark gehe (NICHT SPAZIERE), laufen zwei Kinder neben mir. Der Bub sagt: „Wir können nicht fliegen. Nur wenn wir Zauberkräfte haben, stimmt’s, Paulina?“ Und Paulina bejaht.

Ich hoffe, wir finden diese Zauberkräfte.

🍋🍃. Schöne Woche! Trotz allem.

Barbara

Razzia im Beisl – fünfzehn ausländische Wörter festgenommen

Razzia im Beisl – fünfzehn ausländische Wörter festgenommen

Wann wir eindeutschen und wann die anderen ausdeutschen.

Das umgangssprachliche Beisl für ein kleines Lokal (eine „Kneipe“), in dem hauptsächlich getrunken wird, ist Bestandteil des österreichischen (zugegebenermaßen Tag- und) Nachtlebens.

Ende November hat man es da leichter und kann ab etwa 15:32 Uhr schon vom Nachtleben sprechen. Unpraktisch gleichzeitig wiederum heuer, dass Christkindlmarktpünsche und Beisln gelockdowned (= geschlossen oder gar nicht erst aufgemacht wurden). Nein, auch nicht mit Masken und Elefantenkleinkindern geöffnet.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei den Leserinnen und Lesern auf Zeitreise, die ahnungslos Blogs aus der Zukunft lesen wollten und einen aus dem Jahre 2020 aufgeschlagen haben. Sie müssen uns für verrückt halten und den Pallawatsch (Herkunft: ital. balordaggine = Tölpelei, Bedeutung: Wirrwarr) bzw. das Tohuwabohu (hebräisch תהו ובהו tōhū wā-bōhū, Bedeutung: Wirrwarr) nicht verstehen.

Corona-Wirrwarr.

Zurück ins Beisl. Das Wort hat seinen Ursprung im Jiddischen bajis (vgl. auch Hebräisch bait בַּית), was einfach Haus heißt. Auch viele andere Wörter unserer Verkehrs-/Umgangssprache und Mundart stammen teils über den Umweg der Gaunersprache, dem Rotwelsch, teils direkt aus dem Jiddischen: tschechern (das Tschocherl = Beisl), meschugge, koscher, schmusen, Schlamassel und zocken. Auch Tach(e)les sprechen und mehr. (Wir alle sollten vielleicht öfter mal Tacheles sprechen.)

Aber auch italienische Begriffe haben sich nichtsahnend auf einen Teller Spaghetti zu uns gesetzt und haben – so schnell konnten sie gar nicht schauen – eine neue Bedeutung verpasst bekommen.

„Razzia!“, wird in Film und Realität warnend gerufen. Jeder weiß, was das bedeutet. Außer die Italiener. Die sagen nämlich natürlich nicht razzia, das klingt im Original zu harmlos. Sie verwenden dafür lieber ein gefährlicheres Wort. Und das nehmen sie, wie könnte es anders sein, aus dem Deutschen. Eine großangelegte Polizei-Aktion ist in Italien ein blitz.

So lautet beispielsweise eine Schlagzeile von SalernoToday:

Blitz nei locali della movida a Salerno: scattano 9 chiusure, rissa nel centro storico

= Razzia in den Bars des Nachtlebens in Salerno: 9 Schließungen, Schlägerei in der Altstadt

Ein ganz normaler Abend also. Wir können es allerdings besser!

oe24 berichtet: „oe24 (aha?) mit Polizei bei Lockdown-Razzia: Dutzende Verkehrs- und Covid-Sünder bekamen bei Kontrollen eine auf den Deckel.“

Wunderschöne Zusammensetzungen, wie ich finde! Auch brav mit Bindestrich. Auch den Deckel liken wir 👍. Lockdown- und Corona-Razzia sind meiner Meinung nach Teil der trendigsten Wörter 2020. Habt ihr noch mehr für mich?

Der Artikel geht im Anschluss noch unterhaltsam weiter:

„Ich habe vor zwei Tagen zum letzten Mal Drogen genommen“, beteuert ein Lenker mit auffallend großen Pupillen. 

Wir lassen das unkommentiert.

Vor allem, wenn es ums Essen geht, verwenden wir sehr gern italienische Wörter. Auch wenn sie zweckentfremdet wurden und ihre Einzahl ihnen abhandengekommen ist. Nach dem Motto: the more, the merrier. Oder so.

Verständlich jedenfalls: Wer möchte schon nur eine Portion Lasagne, ein kleines (sowieso zu teures) Panini, einen einzigen Paparazzi (sad, very sad!, wie Trumpf sagen würde) oder ein mickriges Graffiti? Einzeln gibt all das wenig her.

Deshalb sagen wir – anders als die Italiener – auch bei einem Stück nicht lasagna, panino oder paparazzo. Das klingt in einem deutschen Satz auch nicht schön.

Solange ich nicht mit Italienern spreche, sage ich, vor allem um nicht „obergescheit“ zu sein, auch den Mehrzahlbegriff für die Einzahl. Immerhin wurden diese Wörter eingedeutscht. Ich rufe auch nicht belämmert: „Ragazzi, wo sind unsere Pizze?“

Bei Kaffee hingegen darf mittlerweile überall der italienische Plural verwendet werden. Hier hat er sich herumgesprochen. Wir können alle sehr lässig „zwei Cappuccini“ oder „fünf Espressi“ (nach dem Abend im Online-Beisl) bestellen.

Doch Vorsicht, Falle: Die Italiener sind gerissen. Sie erkennen Unitalienischkeit trotz der Mehrzahl sofort. Und zwar dann, wenn man nach 12:19:25 Uhr (nach der ersten salzigen Mahlzeit) einen Cappuccino bestellt. Verboten!

Übernommen hat das Italienische neben dem blitz in neuer Bedeutung auch das Wort Hinterland, das wir selten verwenden, im Italienischen aber als hinterland fixer Bestandteil der Sprache ist (geografisch) .

Lustigerweise sagt in Italien niemand „picobello“ (sehr fein): „piek“ aus „piekfein“ dürfte in den Niederlanden italianisiert geworden sein und -bello kann man schließlich überall anhängen. (Wie auch Bello. Witz des Jahres.)

„Pasta asciutta“ bzw. „Bastaschuttaaa“ (wortwörtlich trockene Pasta, das hängt von der möglichen Saucenkombination ab, also die Nicht-Suppen-Pasta) wird anders verwendet. Und unsere Sauce „Bolognese“ aus Bologna ist in Italien einfach ragù.

Hunger bekommen?

Nun, bei dem Novemberwetter darf genascht werden. Ich werfe auch nicht mit Namen italienischer Süßspeisen um mich, versprochen.

Gestern ging ich bei Sonnenuntergang (also am frühen Nachmittag) durch den Schönbrunner Park, der eine aufregende unheimliche November-Stimmung inklusive gähnendem Fuchs für mich parat hielt. Bei all dem Nebel wird es leicht gruslig, vor allem, wenn man sich an keinen heißen Corona-Punsch oder Tee (mit oder ohne) klammern kann.

unheimlich ist ein Germanismus im Französischen, ohne Entsprechungen. Schön langsam sollte ich mir Sorgen um den Ruf unserer Sprache machen. Doch zum Trost: es gibt auch gemütlich im Französischen. Sehr sympathisch.

Apropos unheimlich: Auch der poltergeist und die gestalt (vgl. „the emotional gestalt of the film“) sind Germanismen des Englischen.

Bei all dem Gruseln schon ins shvitzing gekommen? Keine Sorge, ich bin schon am Ende angelangt und störe die lustigen vier möglichen Corona-Aktivitäten nicht weiter, die da wären: Arbeiten, Schlafen, Haushalt und – jetzt wird es heiß – bei etwa null Grad sinnlos Herumspazieren oder im Kreis Joggen.

Und, habt ihr mitgezählt, haben wir schon 15 ausländische Wörter festnehmen können?

Ich muss jetzt los zur Pizzeria, auf eine pizza fritta vor der Pizzeria Quartier und einen Glüh-Negroni. Es wird immer wilder.

Die hebräisch-japanische Verbindung und ein paar Italienismen bleibe ich bis nächste Woche noch schuldig. Ihr wisst ja, Pünktlichkeit und so… Scusate!

Buona serata, ragazzi! Und schöne Vorweihnachtswochen!

Schönbrunn weihnachtlich.