Die Kunst, ohne Akku zu kommunizieren

Photo by Theodore Nguyen on Pexels.com

Als ich las, dass aktuell täglich weniger Wörter als früher gesprochen werden, war ich nicht überrascht. Ein Blick auf unser Verhalten im öffentlichen und privaten Raum genügt, um diese These bestätigt zu sehen. Auch ich interagiere mehr, wenn ich kein Internet bzw. keinen Akku habe. Es geht nicht nur uns so. Das ISCTE der Universität Lissabon hat kürzlich herausgefunden, dass die Portugiesinnen und Portugiesen vor zehn Jahren mehr Freundschaften eingingen.

Wann wird mit Kindern gesprochen?

Leider bedeutet unser Schweigen auch, dass seit vielen Jahren die Sprachkenntnisse der Kinder weiterhin abnehmen. Nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit Geschwistern wird aufgrund von digitaler Ablenkung weniger gesprochen. Gerade die Interaktion mit Geschwistern spielt im Alltag der Kinder eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Wickelrucksack der Stadt Wien beinhaltet momentan die Information „Bildschirmfrei von 0-3“ – in Zukunft wird es noch mehr Initiativen in die Richtung geben.

Beschränkungen oder Verbote kommen oft ziemlich spät, wobei auch ich nicht per se immer dafür bin. Ich erinnere mich daran, Anfang zwanzig in Lissabon unten bei den Gleisen der U-Bahn geraucht zu haben und dass Busfahrer einfach aus dem Fenster rauchten. Damals waren es noch kaum Busfahrerinnen, Maria do Céu Nunes war allerdings schon 1988 als erste Frau zwischen Lissabon, Amadora und Algés unterwegs. In Palermo kannte ich etwa im Jahr 2010 die erste Frau, die Mutter eines Freundes, die diesen Beruf ausübte. 2026 wird man in Wien, Palermo oder Lissabon rauchend wahrscheinlich sogar im Gastgarten einige böse Blicke ernten, es wird selbstbewusster gehüstelt oder gefuchtelt – noch ein Vorteil, aufgehört zu haben. Sieht man Videos aus den Siebziger-Jahren zur Frage: „Schnallen Sie sich im Auto an?“, reagiert man vielleicht ähnlich verwundert, wie Menschen in ein paar Jahren zum Thema Bildschirmzeit für Kinder, ehrlicherweise aber auch Erwachsene, reagieren werden.

Ich kenn dich gar nicht, Bruder

Im Autobus kann man, wenn man nicht auf das Handy blickt, sehr gut Menschen beobachten. Letzten Montag erklärte ein französischsprachiger Vater innerhalb von drei Bushaltestellen der Tochter im Volksschulalter alle deutschen Fälle mit Hilfe bunter Stifte und eines Käsezettels auf Französisch, kurz vor dem Aussteigen konnte sie alle Artikel in die verschiedenen Fälle setzen. Wir kennen leider auch – Stichwort Brennpunktschule – (Brennpunkt auch ohne Zigarettenbrandlöcher, ich werde gleich melancholisch) viele Negativbeispiele, wo Lernen nicht funktioniert, wie es soll.

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Britischer Humor wird in bilingualen Kindergärten früh vermittelt. Vor einigen Tagen stieg eine Kindergartengruppe in den bereits sehr vollen Bus ein. Auf Englisch sagte die Pädagogin: „Schau, ich habe so viel Platz, ich könnte einen Tanz aufführen. Tu ich aber nicht.“ „Warum?“, fragte das Kind. „Weil du müde bist?“ „Ja, das ist der Grund!“, sagte sie trocken und die anwesenden Eingequetschten lächelten.

Manche Gespräche entpuppen sich als ungewollt komisch. Zwei Mädchen um die fünfzehn unterhielten sich in der U-Bahn. Das eine erzählte von einem Verehrer – wie meine Großmutter gesagt hätte. „Er so: Eine Frage, liebst du mich? Ich: He Bruder, ich kenn dich gar nicht richtig.“ Ich weiß nicht, ob die Ansprache Bruder in dem Fall die beste ist. Falls jemand Fremdes sie also unterwegs ansprechen sollte, dem vielleicht langweilig war, weil er keinen Akku mehr hat, könnten sie entweder dem „Live-Gespräch“ eine Chance geben oder einfach „Ich kenn dich gar nicht, Bruder“, (geht problemlos genderübergreifend) antworten.

Sehr erheiternd ist es auch, wenn Dinge wortwörtlich genommen werden. Ein Kind wurde unterwegs gefragt: „Hast du einen blauen Fleck?“ „Nein, einen blutigen, dunkelroten Fleck.“ Na dann!

Schließen möchte ich für heute mit den Worten des Schriftstellers Piontek: „Das letzte Wort hat die Sprache.“

_________________________________________________________________________________

NEUES: Das Zitronenblatt bleibt gemeinsam mit dem Sprachgemisch im Standard natürlich meine Kolumne zum Thema Sprache.

Alle anderen literarischen/fiktionalen Beiträge findet ihr ab jetzt auf https://runningwords.com/, wo ich in verschiedenen Sprachen (hauptsächlich auf Deutsch) jede Woche einen Text veröffentliche. 🙂

Alles Liebe
BD

Zitronenblatt 🍋. Wie die Kolumne zu ihrem Namen kam

Ein Auszug aus meinem Buch „PIL“ 🐘:

Ich träume noch immer davon, zu rauchen. Mit schlechtem Gewissen. Als ich noch rauchte, träumte ich nie davon.
Doch auch von meinen Pflanzen, die ich trocken sah und goss, träumte ich, träumte mir vielleicht. Denn in der Nacht flüsterten sie, schüchtern, zärtlich: Wir sind durstig, die sommerlichen Temperaturen trocknen uns aus.

Ich gieße sie.
Sie sind glücklich. Blühen, wachsen, wachsen, sprießen, leuchten mich grün an.


Mein Bruder Mats und ich standen auf meinem Balkon, setzten den Zitronenkern in eine aufgeschnittene Colaflasche, machten uns mit Erde schmutzig. Die sizilianischen Jugendlichen auf der Straße riefen einander belanglose und belangvolle Dinge zu.
Bald darauf ragte ein schüchterner Spross aus der Erde, leicht nach links geneigt, sah sich neugierig um, voll Freude, zu leben. Ein Jahr später kam er, in Größe einer Topfpflanze, mit ins Flugzeug nach Wien. Begeistert rochen Stewardessen und Bodenpersonal an ihm, griffen das Pflänzchen an, Limone, Zitronenbäumchen, sagte ich. Ich trug es in einer Einkaufstasche im Handgepäck mit mir, sodass es jeder sehen konnte. Niemanden kümmerte, dass es nicht erlaubt war.


Nun stehst du bei mir in Wien, ragst an die Decke und breitest dich in alle Richtungen aus. Bist gewachsen, wie ich.

Neue Blätter 🍋❤️