Umzug im Brutal-Lockdown

Umzug im Brutal-Lockdown

Wir machen Zitronenlimonade. Diesmal ohne Dschungel. Dafür mit Scha(r)f.

Lustige Wortschöpfungen reißen nicht ab.

So kündigte eine (Gratis-)Zeitung vor Ostern an: Kommt jetzt der Brutal-Lockdown?

Die Antwort ist: Ja, er kam. Aber es gibt auch weniger „gute“ Nachrichten. Räusper. Ich habe, wie so viele, einen Schritte- und Kilometerzähler auf dem Handy. Mich bringt er trotzdem nicht dazu, nur eine Stufe mehr freiwillig zu steigen.

Unsere Haupt-Freizeitaktivität ist momentan, wie oft gesagt, das Spazieren. Zumindest hier beruhigen wir unser Gewissen und sind über unsere abgehatschten Kilometer und Neuentdeckungen in unserer Stadt froh. Brauchen wir aber nicht zu sein. Denn mein Kilometer-Zähler verrät mir, dass ich 2019 um 1,5 km mehr täglich zu Fuß gegangen bin als in den Lockdown-Jahren (Hilfe, das klingt lange) 2020 und 2021.

Wie gewonnen, so zerronnen.

Das Wetter schmilzt auch den Aprilschnee, es ist direkt warm.

Sprichwörtliche Redewendungen haben es in sich. Kürzlich sprang jemand ein paar Meter von mir entfernt auf und ab, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gesehen zu werden. Treffend war die Beschreibung meiner Freundin später „Er hat ein Theater gemacht“. „Mach nicht so ein Theater!“, wird gesagt. Und wir machen (ein) Theater, um gehört, gesehen, gemocht oder gelesen zu werden.

Und das ist auch gut so. Denn das Theater braucht uns und wir es.

Wir könnten stattdessen aber auch, wie es in der Werbung heißt, Fashion- und Lifestyle-Shopping machen. Ja, wir kaufen uns jetzt den Lifestyle.

Gehst du heute auch lifestyle-shoppen? Ich brauche noch eine große Wohnung im 19. und teures Besteck. Ja, heute shoppe ich den Hipster-Lifestyle und brauche weiße, lange Socken und ein Stoffsackerl für mein altmodisches Rad. Oder doch lieber Gucci-Lifestyle?

In Wahrheit bin ich neidisch und würde auch gerne Lebensstil shoppen. Der Corona-Lifestyle ist übrigens gerade im Angebot.

Ich befürchte aber, ein Lebensstil ist eventuell doch nicht käuflich. Aber sagt es der Werbung nicht, sonst ist sie sad, very sad.

Der Lifestyle im 20. Bezirk, am Hannovermarkt, sagt mir auch zu. Da gibt es nämlich Folgendes zu kaufen, danke M. für diese Information:

Karpfen mit Putzen 5,90
Karpfen ohne Putzen 4,90

Da kamen mir gleich diverse blöde Fragen, die gemeinsam gestellt besonders unsinnig sind:

  1. Putzen Sie auch im 9.?
  2. Haben nicht nur Äpfel, sondern auch Karpfen Putzen/Butzen? (Kennt ihr noch den Ausdruck Apfelbutzen?)
  3. Was ist dieses köstliche Putzen?

Weniger köstlich, dafür umso gesünder, ist mein neuester Kräutertee. Allen Skeptikern sei hiermit gesagt, ich bin mir dessen bewusst, dass der Weg von Wodka-Redbull als Aperitivo in der sizilianischen Bar um 19.00 zu Kräutertee im Wohnzimmer um 19.00 dramatisch ist.

Der Kräutertee ist bitter. Das lässt auf gesund schließen, hoffentlich kein Trugschluss. Trüge mich nicht, o Kraut. (Wo ist das be- geblieben?) Er ist aus Schafgarbe, wobei Althochdeutsch garwe Gesundmacher heißt. Tiere, besonders Schafe wie wir, lieben diese Pflanze.

Zum Abschluss der heute kurzen Kolumne habe ich nun alle Namen der Schafgarbe auf der Wiese der deutschen Sprache eingesammelt. Als Zeichen dafür, dass man viele und fantasievolle Wörter, Bezeichnungen, Synonyme bilden kann und dass vielleicht nicht alles im Leben Fashion & Lifestyle ist. Oh nein, ist Kräutertee etwa doch Lifestyle? Sorte boringOMG!!! ist alles, was ich dazu sagen kann.

Lateinisch: Achillea millefolium

Andere Namen:
Augenbraue der Venus, Blutstillkraut, Frauenkraut, Frauendank, Gotteshand, Grillengras, Katzenkraut, Margaretenkraut, Achilleskraut, Gänsezungen, Grützblume (naja, schön ist anders), Zangeblume, Feldgarbenkraut, Grundheil, Schafzunge

Quiz: Wie viele Tiere haben sich hier versteckt?

Von Blumen werde ich heute dank des Nach-Oster-Schneesturms-im-Brutallockdown nicht mehr viel sehen, dafür erquicken uns diese Namen.

Bis sehr bald!

Barbara

Es ist fast geschafft: 2020 und der Limonadendschungel

Es ist fast geschafft: 2020 und der Limonadendschungel

Unübliche Feiertage, die sich nicht nur sprachlich bemerkbar machen

Ihr wisst nicht, was der Limonadendschungel (Soda Jungle) ist? In manchen Fällen vielleicht die eigene Küche voller vorweihnachtlicher Hamsterkäufe plus mitgenommener Speisen und Getränke der lieben Verwandten. Limonaden-, Keks- und/oder Punschdschungel.

Im Spiel: Ihr erreicht ihn, indem ihr das Minzmeer (Sparkling Waters) überquert. Gut, wir leben (noch) nicht in der Welt des Super Mario – trotz des Lockdowns 3.0. Auch in der Super-Mario-Welt darf man sich nicht sorglos anderen Mitmenschen (in dem Fall Schildkröten, Kanonenfischen und Feuerblumen) ohne Abstandsregeln nähern. Man wird „gefressen“.

Da wir (noch, wer weiß, was 2021 kommt) in keiner Zombie-Apokalypse leben, werden wir zum Glück nicht gefressen und schrumpfen auch nicht bei Berührung, müssen aber auch bei unserer Nicht-im-Spiel-Pandemie auf Abstand bleiben. Hoffentlich nicht mehr allzu lange (drei Welten würde ich noch durchhalten, aber nur mit Luigi und Pizza).

Die Übersetzung der Super-Mario-Welten ist, wie man oben sieht, nicht immer wortwörtlich. Diese Art der Übersetzung – an die Kultur und Sprache des Zielorts angepasst – heißt Lokalisierung. Dabei wird in einigen Fällen nicht nur der Text verändert, sondern die Größe, Schriftart, Bilder, Videos, Musik und so weiter, die gesamte Website oder das gesamte Produkt. Auch bei den Asterix-Büchern und -Filmen (ideal für weihnachtliche Nachmittage) und bei den Schlümpfen 유 wurden die Namen lokalisiert und haben in jeder Sprache witzige und unterschiedliche Entsprechungen.

Erinnert ihr euch an die legendäre Serie „Mord ist ihr Hobby“? Das war zugegebenermaßen ein verwirrender Titel. Gemeint ist eher wie bei „Fußball ist sein Hobby“ das Hobby, Spiele vom Sofa oder Pub aus zu kommentieren. „Geh biiiitte! Schiiiiieß! FOUL!!!! ELFMETER!“ bzw. Pendant eigene Mannschaft: „Ball gespielt!!! Geh bitte!!! Gesungen: Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!!“

Die Serie hieß im österreichischen Fernsehen lange „Immer, wenn sie Krimis schrieb“, was vielleicht weniger verwirrt.

Der Dezember ist nun bald vorbei. Zusammen mit dem lieblichen Jahr 2020 und im Januar des kommenden Jahres dürfen wir uns dann freitesten („fun fact“: Die Ziffernsumme von 2020 ist 4, die Unglückszahl in China).

Alle nicken zum Wort freitesten (zustimmend oder ablehnend, falls man ablehnend nicken kann), wissen, wovon ich spreche. Vor einem Jahr wäre (sich) freitesten noch ein Fall für die TV-Sendung „Was gibt es Neues?“ gewesen und nicht einmal Niavarani hätte das Wort erraten.

Wenn ich zu Lockdown-Ende den Coronatest mache und positiv bin, heißt das dann immer noch freitesten oder startete ich nur den Versuch, mich freizutesten (noch wird dieses Wort von meiner Rechtschreibprüfung unterwellt) und teste mich dann gefangen?/in Quarantäne?/nach Hause? Kann man sich auch wegtesten? Ja, indirekt müsste das gehen, wenn im Urlaubsland ein Test verlangt wird. Das erscheint mir momentan die netteste Art der Testung.

Apropos pandemische Wörter. Meine Freundin aus London, die sich gerade in Lissabon befindet, in dem man samstagnachmittags das Haus nicht mehr verlassen darf, verwendet natürlich nicht so inflationär wie der Rest der Welt lockdown, sondern spricht von curfew. Ich musste das Wort erst einmal nachsehen. Es stammt vom französischen couvre-feu (dieser Begriff wird übrigens auch auf der Website der französischen Regierung als Ausgangssperre verwendet). Ursprung: „Feuer abdecken“: eine Glocke wurde abends geläutet, die die Menschen daran erinnern sollte, das Feuer vor der Nachtruhe abzudecken.

A curfew today is a restriction which limits a group of people from being outside their homes past a certain time. The original use of the word however, dates back to the 14th century, where a „curfew“ was an evening bell which warned people to cover their fires for the night, to prevent their homes, and their neighbor’s homes, from accidents.

(MeRriam Webster online)

Im Asterix bei den Briten sagten sie übrigens heute „Polizeistunde“ statt Sperrstunde. Man will es nur gesagt haben.

Was uns trotz des Ausgangsverbots bleibt, sind, wie oft erwähnt, endlose Spaziergänge. Gestern war ich (nicht ganz als einzige) auf dem Kahlenberg und dem Leopoldsberg unterwegs. Da ich in kein eigenes Gespräch vertieft war, hörte ich jene der anderen Vorbeispazierenden.

  1. Thema Nummer 1 war: sich etwas oder nichts oder zumindest weniger gefallen lassen. In verschiedenen Zusammenhängen. Das liken wir.
  2. Gesprächsthema Nummer 2 war die Schule, ein junger Mann sagte zu Verwandten: „Ich wurde maturiert“ (ob von Schule, Eltern oder Lockdown bleibt ungewiss).
  3. Thema Nummer 3: Kleidung und Ausrüstung. Ein Vater rief entsetzt laut vorne gehender Teenie-Tochter zu: „Hast du gar nichts an unter der Leggings??!“
    Doch auch erwachsene Kinder wurden von den Eltern blamiert, nicht nur kindliche Kinder. Ein Mann, der stolperte, als er mich sah und sich dann von der Familie absonderte, um sich auf die Bank neben mich zu setzen, wurde – so schnell konnte er gar nicht schauen – von dieser eingeholt und umzingelt. Die Mutter begann ein Loblied auf den Tee oder Saft zu singen: „Die ist toll, die Thermosflasche, also da bleibt das so lange heiß, toll. Das ist mit Apfel. Willst du das? Schmeckt dir das? Mmm … das ist der gute Sirup, willst du das?“ Der Sohn grunzte indigniert als Antwort und sein Bruder grinste breit, während der Vater eifrig drei verschiedene Wege zum Weitergehen vorschlug („über Nußdorf ist es besonders sonnig“) mit allen Vor- und Nachteilen der verschiedenen Optionen.

Die Sonne war wirklich stark. Das Problem der peinlichen Sonnen-/Skibrillen-Waschbären-Abdrücke ist diesen Winter dank der Masken geringer, die eine hübsche Ergänzung zur Gesamtvermummung bilden.

Und nach dem Spaziergang kann man sich im Anker (wirklich, das Schild lautet so) ein „Kukuruz-Weckerl“ um EUR 1,05 kaufen. Für jene, die diesen Dialekt nicht beherrschen: Kukuruz ist Mais in vielen Teilen Österreichs und teilweise auch Süddeutschlands und wird schriftlich selten verwendet. Es kommt von serbisch kukuruz (wiederum ursprünglich möglicherweise lautmalerisch Hendl-lockend, das ist allerdings nicht bewiesen.) Wer nun Gusto auf eine Kukuruz-Suppe (allerdings bestimmt nicht ganz so schmackhaft wie die in Mexiko) bekommen hat und etwas zur Geschichte lesen möchte (die wieder etwas anderes als ich behaupte), findet hier das Rezept.

Wir sind nun am Ende dieses Eintrags und fast des Jahres angekommen. Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr und hoffe, auch ihr habt „hairliche Geschenke“, wie kürzlich ein Friseur warb, erhalten. In Wahrheit mussten alle Friseure und körpernahen Dienste (das klingt immer sehr aufregend) wahrscheinlich wegen ausgehender Wortwitze zusperren. Eure Haare und körpernahen Regionen werden wohl erst wieder Ende Januar andere Menschen sehen.

Auf ein besseres 2021. Prosit und alles Liebe!

PS: Wer glaubt, nur in seinem Land wären die Lockdown-Regeln verwirrend, kann hier ein farblich lustiges Beispiel unserer Nachbarn auf weihnachtlicher Tischdecke mit verschiedenfarbigen Ampeltagen (sie beziehen sich auf Gastronomie und Reisefreiheit in- und außerhalb der eigenen Gemeinde) bestaunen, wir freuen uns schon auf den 4.1.:

IL CALENDARIO
Wer dieses schöne Lied vermisst … 😉