Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Von praktischen Germanismen und der wunderlichen Werbesprache

Heute bin ich an dem Werbeschild einer Partei vorbeispaziert, das mich grausen ließ (nicht wegen seines Inhalts):

Frauen.
Krisenmeisterinnen.

Gut, bis dahin können wir das unterstützen. Auch wenn das Wort Krise aktuell doch etwas inflationär verwendet wird. „Es kriselt“ ist ein sympathisches Verb dazu. „Es kriselt“ als Umschreibung für „Wenn er/sie noch einmal so laut atmet/das Handtuch hinwirft/auf die Gabel beißt/den Fernsehkanal wechselt (und so weiter), rast‘ ich aus.“

Ausrasten ist hier übrigens das genaue Gegenteil von sich ausrasten. So wie umfahren und um-fahren gegenteilig sind. Die Präfixverben des Deutschen haben es in sich.

Doch der Werbespruch geht leider weiter.

Frauen.
Krisenmeisterinnen.
Seit immer.

In mir zieht sich etwas zusammen. Seit? Seit immer? Was ist mit „schon immer“, „immer schon“, „seit der Eiszeit“ usw.? Seit immer. Das ist eine sehr unschöne Umschreibung. Unschön und unsinnig.

Das klingt eher nach Pausenhof in der Schule (gibt es die noch oder wurden sie irgendwann wie das Rauchen für Schüler abgeschafft, weil zwecklos?). „Seit wann stehst du auf Mirko?“ (Wir hätten noch – ungeniert rauchend – „auf DEN Mirko“ gesagt, die Jugendlichen von heute haben diese Artikel vor Namen aber mit ihren Socken gemeinsam abgeschnitten) Antwort: „Seit immer!“ Das ist irgendwie wildromantisch und passt zum Zeitgefühl von Schülern.

Aber auch andere Werbungen sind nicht so schön. Man erinnere sich an „Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“ Nun sprang noch eine weitere (Möbel-)Firma auf diesen (in den Abgrund) fahrenden Zug auf und sie legt einen drauf mit: „Damit zu Hause auch dein Zuhause ist.“ Ja. Ähm. Wie?

Wenn ich zu Hause sage oder denke (gut, spielen wir mit der Gefühlsebene: fühle), kann ich dann einen Ort meinen, der nicht mein Zuhause ist? Vielleicht in einer Welt der Bill Clinton- und Überhaupt-nicht-von-Tirol-nach-Deutschland-außer-unter-diesen-strengsten 71-Ausnahmen-doch-Paradoxons.

Man ist also nach dem Kauf von Möbeln dieses Möbelhauses zu Hause und gleichzeitig auch nicht. Ob man das will, ist eine andere Frage.

Vielleicht sitzen auch Bill, Monica und ein Bayer auf dem neuen Ecksofa zu Hause. Und nicht.

Apropos zu Hause: Bei den langen Winterabenden bietet sich der Verzehr von Keksen an. Lustigerweise gibt es englische Kekse, auf deren Packung decadent cookies steht. Eine sehr interessante Beschreibung!

„Die Kekse waren heute wieder einmal so dekadent!“

Zu dekadent passt auch unser aus dem Englischen eingebürgerte „Snob“. Interessant wird es jetzt, wenn ein Germanismus im Kroatischen im Deutschen mit einem Anglizismus übersetzt wird! Verwirrt? Kein Wunder!

Ein Freund von mir sieht eine kroatische Serie namens „The Paper“ mit deutschen Untertiteln. Es wird in einer Folge gesagt: „Oh, ja, der Kunsthändler und Snob.“ (Schon bei dieser klischeehaften Kombination muss man irgendwie lachen.) – „Genau der.“ Nur, dass im Original im Kroatischen nicht „Snob“ gesagt wird, sondern der Germanismus Hohštapler.

Genau der! Eigenartigerweise wird er aber dann im Deutschen zum Snob.

Ich habe noch mehr Germanismen in der Keksdose. Eines der Nr. 1-Diskussionsthemen sind die Ski-Pisten. Und ein witziger Germanismus hat es diesbezüglich auch ins Französische geschafft:

„Je descends les pistes tout schuss.“ – „Ich fahre die Pisten im Schuss runter.“ Schön wäre es.

Kürzlich hörte ich übrigens bei einem kritisierten TED-Talk in dem YouTube-Video eines Meditations-Gurus…

(Ich brauche ihn leider, ommmmm inhaleeeeeeeee and exhaaaaaaaale, so weit ist es gekommen. Wenn ich noch einmal spazieren gehen muss, raste ich gemeinsam mit dem Kolumnisten des Standards aus und gehe mit diesem Christian wutwandern.)

„In German they have a word for it. They call it the Umwelt.“ Von da an sagte und schrieb dieser Redner andauernd Umwelt und kam sich sehr „gescheit“ dabei vor. Obwohl dafür überhaupt kein Germanismus notwendig wäre.

Ein Trost also. Nicht nur wir haben haufenweise unnötige (ich schätze die, die die Sprache bereichern sehr!) Anglizismen.

In den letzten Jahren bekommen es die Nordamerikaner zurück und werden mit „acho-so-intellektuell-witzigen Germanismen“ überschwemmt.

Aber auch den anderen Sprachen geht es nicht viel besser. In einem portugiesischen Artikel über Corona-Paare (hüstel) steht: „Foi um match num timing fantástico“, conta Patricia. „Es war ein Match mit einem fantastischen Timing“, erzählt Patrizia (okay, Patricia).

Doch es gibt Trost: (in der ZIB zum Thema Kosovo gehört)

„Kurti verspricht einen umfassenden Plan gegen die Korruption.“

Danke, Kurti.

Bitte gib uns auch einen Plan gegen die Corona-Krise, damit wir nicht mehr, gefühlt „seit immer“ zu Hause und in unserem Zuhause wutwandern, arbeiten, dekadente Kekse essen und meditieren müssen.

Ich meditiere übrigens für die Liebe und erhalte seitdem ständig Jobangebote. Tipp eines Freundes: Vielleicht sollte ich für Jobangebote meditieren. Wer weiß, wer oder was dann kommt!

Bill, bist du’s?

PS: Ich gehe natürlich entgegen meiner Drohungen (wem drohe ich damit überhaupt?) trotzdem spazieren, denn momentan heißt es: Mit-Maske-vor-Geschäft-Schlange oder Spazieren die 287846ste. Heute versuchte ich es mit den Blumengärten in Hirschstetten und sie waren zu meiner riesigen Freude: zu. Die Sitzbank davor tat es dann bei angenehm milden null Grad auch. Man könnte fairerweise auch die Bundesgärten wieder zusperren.

Ich vermisse dich.

Der Rote Fuchs und das Unaussprechbare

Der Rote Fuchs und das Unaussprechbare

Von sprichwörtlichen Tieren und archaischen Tabu-Wörtern

Wie ich in meinem Beitrag Razzia im Beisl, schreibt auch jemand in der heutigen Sonntags-Kolumne im Kurier über den nicht-scheuen Fuchs in Schönbrunn (zoolos), der gemütlich neben den Spaziergehenden herumgeht. Er ist berühmt, wie mir scheint.

Ich wurde kürzlich von einem US-Amerikaner (Brasilianer sind auch Amerikaner, nur eben andere) darauf aufmerksam gemacht, dass das Deutsche sehr viele Sprichwörter und Redewendungen aus Natur und Landwirtschaft bietet. Der hat wohl einen Vogel, dachte ich sofort.

Dazu vorab eine Frage: Wenn etwas nicht klappt oder ihr bemerkt, dass morgen schon wieder Montag ist, wurmt es oder fuchst es euch?

Der Fuchs hat es also im Deutschen sogar ins Verb geschafft. In Adjektiven ist er auch zu finden, wie zum Beispiel in fuchsteufelswild. Er wird also mit Ärger und Schläue (schlau wie ein – alter – Fuchs) verbunden, weshalb man den Fuchsjungen oder das Fuchsmädchen aus Schönbrunn vielleicht nicht auf die (Weihnachts-)Palme bringen sollte.

Beliebt ist auch die Beschreibung „wo sich Fuchs und Hase ,gute Nacht‘ sagen“ (auch in der Variation einer älteren Redensart, wahrscheinlich, weil es damals auch noch mehr gab, die lautet: „wo die Wölfe einander ,gute Nacht'“ sagen). Genau dort, wo also nicht „der Bär los“ ist.

Wenn man von einem Thema mäßig begeistert ist oder lieber keine Lösung finden möchte, kann man auch sagen: „Danach kräht in ein paar Tagen kein Hahn mehr“, und „Das ist sowieso für die Katz/den Hugo“ (Oder gleich im Dialekt: … de Fisch!)

Was mir bei dem Wetter aktuell einfällt, ist das schöne Verb einigeln. Nach ein paar Stunden oder Tagen muss man aber irgendwie trotzdem wieder hinaus. Einige gehen, ganz entsprechend der neuen Corona-no-Punsch-no-more-Regel in Österreich, mit einer Thermosflasche bewaffnet spazieren. In dieser ist meistens nicht (nur) Tee sondern Haselnussschnaps, Wichtelschnaps, Rum und Sonstiges zu finden. Man muss gestehen: Angeheitert sehen die Weihnachtslichter der Stadt und die anderen Herumirrenden (unentschlossen zwischen Weihnachts-Stress und Lockdown-Langeweile) doch noch netter aus.

Wenn jemand fragt oder euch zur Schnecke machen will: Bindet ihm einen Bären auf und schwärmt vom wärmenden Früchte-Kräuter-(Willi)-Tee im Becher oder in der Thermosflasche. Wer auf den Kater am nächsten Tag lieber verzichtet, kann sich auch bei einer der hippen Bäckereien für teures, sehr gutes Brot stattdessen anstellen oder gar vor der Buchhandlung.

Sei kein Frosch!

Der Bär kommt übrigens bei uns recht häufig sprichwörtlich vor. Die frequenteste Tierbezeichnung im Deutschen ist Überraschung (ich mag Überraschungen) „Bär“, in den BKS-(Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) Sprachen ist es „pas“ (Hund).

Doch das war nicht immer so. Die meisten der europäischen Sprachen gehen auf das Indoeuropäische zurück und der Bär ist eines der beliebtesten Beispiele für das archaische Sprachtabu. Der Aberglaube verbot die Nennung des Tiers, um es nicht herbeizurufen (wer „The Revenant“ mit Di Caprio gesehen hat, weiß auch, warum). Der lateinische Name lautete ursus: Wie heutzutage in den romanischen Sprachen und Sternbildern zu finden.

Die germanischen Sprachen führten wegen diesem Tabu einen anderen Namen ein: althochdeutsch bero, mittelhochdeutsch ber. Bär bedeutet wahrscheinlich einfach „der Braune“.

Auch die Slawen hatten ein ausgeprägtes Bären-Tabu. Deshalb wurde der zottlige Bär als Honigesser (ursprünglich medú jed) umschrieben und heißt heutzutage auf Serbisch medved, auf Kroatisch/Bosnisch medjved.

Doch das Tabu hat sich (wahrscheinlich aufgrund bärenfreundlicher Umstände) länger gehalten. Denn man sagt in den BKS-Sprachen weiterhin nicht, wie im Deutschen, „stark wie ein Bär“ sondern lieber „stark wie ein Wolf“ oder „stark wie ein Stier“.

Nach dem Ausflug in die Sprachgeschichte (Schüler würden vielleicht sagen: keinen Bock!) etwas vielleicht Spannenderes zum Thema Tabu. Ihr fragt euch: Was zum Geier? Gut, ich lasse die Katze aus dem Sack:

Das männliche Geschlechtsorgan wurde in mehreren indoeuropäischen Sprachen tabuisiert und das Glied genannt, also möglichst neutral als eine Extremität bezeichnet. (Falls sich einige bereits über die deutsche Bezeichnung gewundert haben.) Über neue Bezeichnungen gehe ich an dieser Stelle nicht ein, sie dürften überaus bekannt sein.

Apropos Tiersprichwörter: Bei der Überlieferung aus der Bibel klappte etwas nicht, weshalb nun Kamele statt Schiffstaue durch das Nadelöhr spazieren. Das finde ich aber nicht schlecht, sie geben ein viel schöneres Bild ab.

Auch die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind schöne Bilder, die es zu wünschen gilt.

Gute Nacht!