Der Rote Fuchs und das Unaussprechbare

Der Rote Fuchs und das Unaussprechbare

Von sprichwörtlichen Tieren und archaischen Tabu-Wörtern

Wie ich in meinem Beitrag Razzia im Beisl, schreibt auch jemand in der heutigen Sonntags-Kolumne im Kurier über den nicht-scheuen Fuchs in Schönbrunn (zoolos), der gemütlich neben den Spaziergehenden herumgeht. Er ist berühmt, wie mir scheint.

Ich wurde kürzlich von einem US-Amerikaner (Brasilianer sind auch Amerikaner, nur eben andere) darauf aufmerksam gemacht, dass das Deutsche sehr viele Sprichwörter und Redewendungen aus Natur und Landwirtschaft bietet. Der hat wohl einen Vogel, dachte ich sofort.

Dazu vorab eine Frage: Wenn etwas nicht klappt oder ihr bemerkt, dass morgen schon wieder Montag ist, wurmt es oder fuchst es euch?

Der Fuchs hat es also im Deutschen sogar ins Verb geschafft. In Adjektiven ist er auch zu finden, wie zum Beispiel in fuchsteufelswild. Er wird also mit Ärger und Schläue (schlau wie ein – alter – Fuchs) verbunden, weshalb man den Fuchsjungen oder das Fuchsmädchen aus Schönbrunn vielleicht nicht auf die (Weihnachts-)Palme bringen sollte.

Beliebt ist auch die Beschreibung „wo sich Fuchs und Hase ,gute Nacht‘ sagen“ (auch in der Variation einer älteren Redensart, wahrscheinlich, weil es damals auch noch mehr gab, die lautet: „wo die Wölfe einander ,gute Nacht'“ sagen). Genau dort, wo also nicht „der Bär los“ ist.

Wenn man von einem Thema mäßig begeistert ist oder lieber keine Lösung finden möchte, kann man auch sagen: „Danach kräht in ein paar Tagen kein Hahn mehr“, und „Das ist sowieso für die Katz/den Hugo“ (Oder gleich im Dialekt: … de Fisch!)

Was mir bei dem Wetter aktuell einfällt, ist das schöne Verb einigeln. Nach ein paar Stunden oder Tagen muss man aber irgendwie trotzdem wieder hinaus. Einige gehen, ganz entsprechend der neuen Corona-no-Punsch-no-more-Regel in Österreich, mit einer Thermosflasche bewaffnet spazieren. In dieser ist meistens nicht (nur) Tee sondern Haselnussschnaps, Wichtelschnaps, Rum und Sonstiges zu finden. Man muss gestehen: Angeheitert sehen die Weihnachtslichter der Stadt und die anderen Herumirrenden (unentschlossen zwischen Weihnachts-Stress und Lockdown-Langeweile) doch noch netter aus.

Wenn jemand fragt oder euch zur Schnecke machen will: Bindet ihm einen Bären auf und schwärmt vom wärmenden Früchte-Kräuter-(Willi)-Tee im Becher oder in der Thermosflasche. Wer auf den Kater am nächsten Tag lieber verzichtet, kann sich auch bei einer der hippen Bäckereien für teures, sehr gutes Brot stattdessen anstellen oder gar vor der Buchhandlung.

Sei kein Frosch!

Der Bär kommt übrigens bei uns recht häufig sprichwörtlich vor. Die frequenteste Tierbezeichnung im Deutschen ist Überraschung (ich mag Überraschungen) „Bär“, in den BKS-(Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) Sprachen ist es „pas“ (Hund).

Doch das war nicht immer so. Die meisten der europäischen Sprachen gehen auf das Indoeuropäische zurück und der Bär ist eines der beliebtesten Beispiele für das archaische Sprachtabu. Der Aberglaube verbot die Nennung des Tiers, um es nicht herbeizurufen (wer „The Revenant“ mit Di Caprio gesehen hat, weiß auch, warum). Der lateinische Name lautete ursus: Wie heutzutage in den romanischen Sprachen und Sternbildern zu finden.

Die germanischen Sprachen führten wegen diesem Tabu einen anderen Namen ein: althochdeutsch bero, mittelhochdeutsch ber. Bär bedeutet wahrscheinlich einfach „der Braune“.

Auch die Slawen hatten ein ausgeprägtes Bären-Tabu. Deshalb wurde der zottlige Bär als Honigesser (ursprünglich medú jed) umschrieben und heißt heutzutage auf Serbisch medved, auf Kroatisch/Bosnisch medjved.

Doch das Tabu hat sich (wahrscheinlich aufgrund bärenfreundlicher Umstände) länger gehalten. Denn man sagt in den BKS-Sprachen weiterhin nicht, wie im Deutschen, „stark wie ein Bär“ sondern lieber „stark wie ein Wolf“ oder „stark wie ein Stier“.

Nach dem Ausflug in die Sprachgeschichte (Schüler würden vielleicht sagen: keinen Bock!) etwas vielleicht Spannenderes zum Thema Tabu. Ihr fragt euch: Was zum Geier? Gut, ich lasse die Katze aus dem Sack:

Das männliche Geschlechtsorgan wurde in mehreren indoeuropäischen Sprachen tabuisiert und das Glied genannt, also möglichst neutral als eine Extremität bezeichnet. (Falls sich einige bereits über die deutsche Bezeichnung gewundert haben.) Über neue Bezeichnungen gehe ich an dieser Stelle nicht ein, sie dürften überaus bekannt sein.

Apropos Tiersprichwörter: Bei der Überlieferung aus der Bibel klappte etwas nicht, weshalb nun Kamele statt Schiffstaue durch das Nadelöhr spazieren. Das finde ich aber nicht schlecht, sie geben ein viel schöneres Bild ab.

Auch die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind schöne Bilder, die es zu wünschen gilt.

Gute Nacht!

Razzia im Beisl – fünfzehn ausländische Wörter festgenommen

Razzia im Beisl – fünfzehn ausländische Wörter festgenommen

Wann wir eindeutschen und wann die anderen ausdeutschen.

Das umgangssprachliche Beisl für ein kleines Lokal (eine „Kneipe“), in dem hauptsächlich getrunken wird, ist Bestandteil des österreichischen (zugegebenermaßen Tag- und) Nachtlebens.

Ende November hat man es da leichter und kann ab etwa 15:32 Uhr schon vom Nachtleben sprechen. Unpraktisch gleichzeitig wiederum heuer, dass Christkindlmarktpünsche und Beisln gelockdowned (= geschlossen oder gar nicht erst aufgemacht wurden). Nein, auch nicht mit Masken und Elefantenkleinkindern geöffnet.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei den Leserinnen und Lesern auf Zeitreise, die ahnungslos Blogs aus der Zukunft lesen wollten und einen aus dem Jahre 2020 aufgeschlagen haben. Sie müssen uns für verrückt halten und den Pallawatsch (Herkunft: ital. balordaggine = Tölpelei, Bedeutung: Wirrwarr) bzw. das Tohuwabohu (hebräisch תהו ובהו tōhū wā-bōhū, Bedeutung: Wirrwarr) nicht verstehen.

Corona-Wirrwarr.

Zurück ins Beisl. Das Wort hat seinen Ursprung im Jiddischen bajis (vgl. auch Hebräisch bait בַּית), was einfach Haus heißt. Auch viele andere Wörter unserer Verkehrs-/Umgangssprache und Mundart stammen teils über den Umweg der Gaunersprache, dem Rotwelsch, teils direkt aus dem Jiddischen: tschechern (das Tschocherl = Beisl), meschugge, koscher, schmusen, Schlamassel und zocken. Auch Tach(e)les sprechen und mehr. (Wir alle sollten vielleicht öfter mal Tacheles sprechen.)

Aber auch italienische Begriffe haben sich nichtsahnend auf einen Teller Spaghetti zu uns gesetzt und haben – so schnell konnten sie gar nicht schauen – eine neue Bedeutung verpasst bekommen.

„Razzia!“, wird in Film und Realität warnend gerufen. Jeder weiß, was das bedeutet. Außer die Italiener. Die sagen nämlich natürlich nicht razzia, das klingt im Original zu harmlos. Sie verwenden dafür lieber ein gefährlicheres Wort. Und das nehmen sie, wie könnte es anders sein, aus dem Deutschen. Eine großangelegte Polizei-Aktion ist in Italien ein blitz.

So lautet beispielsweise eine Schlagzeile von SalernoToday:

Blitz nei locali della movida a Salerno: scattano 9 chiusure, rissa nel centro storico

= Razzia in den Bars des Nachtlebens in Salerno: 9 Schließungen, Schlägerei in der Altstadt

Ein ganz normaler Abend also. Wir können es allerdings besser!

oe24 berichtet: „oe24 (aha?) mit Polizei bei Lockdown-Razzia: Dutzende Verkehrs- und Covid-Sünder bekamen bei Kontrollen eine auf den Deckel.“

Wunderschöne Zusammensetzungen, wie ich finde! Auch brav mit Bindestrich. Auch den Deckel liken wir 👍. Lockdown- und Corona-Razzia sind meiner Meinung nach Teil der trendigsten Wörter 2020. Habt ihr noch mehr für mich?

Der Artikel geht im Anschluss noch unterhaltsam weiter:

„Ich habe vor zwei Tagen zum letzten Mal Drogen genommen“, beteuert ein Lenker mit auffallend großen Pupillen. 

Wir lassen das unkommentiert.

Vor allem, wenn es ums Essen geht, verwenden wir sehr gern italienische Wörter. Auch wenn sie zweckentfremdet wurden und ihre Einzahl ihnen abhandengekommen ist. Nach dem Motto: the more, the merrier. Oder so.

Verständlich jedenfalls: Wer möchte schon nur eine Portion Lasagne, ein kleines (sowieso zu teures) Panini, einen einzigen Paparazzi (sad, very sad!, wie Trumpf sagen würde) oder ein mickriges Graffiti? Einzeln gibt all das wenig her.

Deshalb sagen wir – anders als die Italiener – auch bei einem Stück nicht lasagna, panino oder paparazzo. Das klingt in einem deutschen Satz auch nicht schön.

Solange ich nicht mit Italienern spreche, sage ich, vor allem um nicht „obergescheit“ zu sein, auch den Mehrzahlbegriff für die Einzahl. Immerhin wurden diese Wörter eingedeutscht. Ich rufe auch nicht belämmert: „Ragazzi, wo sind unsere Pizze?“

Bei Kaffee hingegen darf mittlerweile überall der italienische Plural verwendet werden. Hier hat er sich herumgesprochen. Wir können alle sehr lässig „zwei Cappuccini“ oder „fünf Espressi“ (nach dem Abend im Online-Beisl) bestellen.

Doch Vorsicht, Falle: Die Italiener sind gerissen. Sie erkennen Unitalienischkeit trotz der Mehrzahl sofort. Und zwar dann, wenn man nach 12:19:25 Uhr (nach der ersten salzigen Mahlzeit) einen Cappuccino bestellt. Verboten!

Übernommen hat das Italienische neben dem blitz in neuer Bedeutung auch das Wort Hinterland, das wir selten verwenden, im Italienischen aber als hinterland fixer Bestandteil der Sprache ist (geografisch) .

Lustigerweise sagt in Italien niemand „picobello“ (sehr fein): „piek“ aus „piekfein“ dürfte in den Niederlanden italianisiert geworden sein und -bello kann man schließlich überall anhängen. (Wie auch Bello. Witz des Jahres.)

„Pasta asciutta“ bzw. „Bastaschuttaaa“ (wortwörtlich trockene Pasta, das hängt von der möglichen Saucenkombination ab, also die Nicht-Suppen-Pasta) wird anders verwendet. Und unsere Sauce „Bolognese“ aus Bologna ist in Italien einfach ragù.

Hunger bekommen?

Nun, bei dem Novemberwetter darf genascht werden. Ich werfe auch nicht mit Namen italienischer Süßspeisen um mich, versprochen.

Gestern ging ich bei Sonnenuntergang (also am frühen Nachmittag) durch den Schönbrunner Park, der eine aufregende unheimliche November-Stimmung inklusive gähnendem Fuchs für mich parat hielt. Bei all dem Nebel wird es leicht gruslig, vor allem, wenn man sich an keinen heißen Corona-Punsch oder Tee (mit oder ohne) klammern kann.

unheimlich ist ein Germanismus im Französischen, ohne Entsprechungen. Schön langsam sollte ich mir Sorgen um den Ruf unserer Sprache machen. Doch zum Trost: es gibt auch gemütlich im Französischen. Sehr sympathisch.

Apropos unheimlich: Auch der poltergeist und die gestalt (vgl. „the emotional gestalt of the film“) sind Germanismen des Englischen.

Bei all dem Gruseln schon ins shvitzing gekommen? Keine Sorge, ich bin schon am Ende angelangt und störe die lustigen vier möglichen Corona-Aktivitäten nicht weiter, die da wären: Arbeiten, Schlafen, Haushalt und – jetzt wird es heiß – bei etwa null Grad sinnlos Herumspazieren oder im Kreis Joggen.

Und, habt ihr mitgezählt, haben wir schon 15 ausländische Wörter festnehmen können?

Ich muss jetzt los zur Pizzeria, auf eine pizza fritta vor der Pizzeria Quartier und einen Glüh-Negroni. Es wird immer wilder.

Die hebräisch-japanische Verbindung und ein paar Italienismen bleibe ich bis nächste Woche noch schuldig. Ihr wisst ja, Pünktlichkeit und so… Scusate!

Buona serata, ragazzi! Und schöne Vorweihnachtswochen!

Schönbrunn weihnachtlich.