6G – Sprachliche und interkulturelle Eindrücke, die mir ins Wörternetz gegangen sind

6G – Sprachliche und interkulturelle Eindrücke, die mir ins Wörternetz gegangen sind

Heute, am 11. Mai, Sonntag und Muttertag, beginnt eine neue Blogreihe – einen lieben Glückwunsch an dieser Stelle. Das G steht für jeweils ein schönes Partizip der Vergangenheit. In jedem Beitrag geht es um zwei G.

Gelesen – Gehört – Gedacht – Gemerkt – Gefühlt – Gesagt

1G: Gelesen

Als ich in den Osterferien abends in einem Bistro in der Hauptstadt Ibizas saß, legte ich nach dem Essen das Handy weg und nahm mir eine lokale Zeitung zur Hand. Es war zwar ein bisschen dunkel, aber das Lesen ging gerade noch. Da ich alleine unterwegs war, hatte ich diesmal einen Platz an der Bar bekommen. Die Zeitung lag griffbereit vor mir. Ich blätterte darin und las, dass die Clubs der Insel ganze 30 Prozent des Umsatzes im Tourismus ausmachen. Eine beachtliche und einzigartige Leistung.

Es war mein dritter Besuch auf dieser Insel der Balearen, ganz genau im Jahr 2025 – nach 2005 (Flug aus Lissabon) und 2015 (Flug aus Palermo). Ein eigenartiges Muster, das mir erst jetzt während des Schreibens bewusstwurde. Jeder der Urlaube war anders als der vorherige, vor allem aufgrund meines Alters und der Lebenssituation, aber auch dem entsprechend, wie sich die wunderschöne Insel mit der heute nur leisen, aber noch fühlbaren Hippie-Schwingung verändert hat.

Mein Lieblings-Bistro in der Nähe des Hafens in Eivissa

In der Zeitung las ich kurze Zeit später etwas über furgonetas, also Lieferwägen.

Ich wollte das Wort mit Kastenwagen übersetzen, aber meine Kollegin meinte, als ich die Geschichte erzählte, sie glaube, das sei nicht richtig. Ich gebe zu, mir fiel das Wort auf Deutsch nicht ein – auch ihr nicht, die mir das italienische Pendant furgone lieferte. Apropos: Aus diesem wird Eis verkauft, ragazzi! Ich musste für das deutsche Wort im Wörterbuch nachsehen. Die Übersetzung von Einzelbegriffen zu zusammengesetzten Wörtern und umgekehrt führt im Gehirn manches Mal zu einem Wortstau.

Wenn „übernachten“ immer skurriler wird

Lieferwägen also, die prinzipiell fast immer weiß sind, werden auf Ibiza einfach irgendwo vor Stränden und Klippen abgestellt, man lege eine Matratze hinein und romantisiere das auf den großen Plattformen als „alternativen Urlaub, weg von den Massen“. Zum Glück wurden sehr viele dieser „Vermieter“ in einer großen Aktion aufgespürt und angezeigt. Es wird berichtet, dass diese Art der (selbstverständlich illegalen) Vermietung immer absurdere Ausmaße annimmt.

Dann bis 2035, Ibiza! Ich nehme gerne wieder ein schönes Hotel in der Hauptstadt und den öffentlichen Bus, um die wundervollen Strände zu besuchen.

2G: Gehört

Im Deutschunterricht hört man so einiges. Neben der Lehre an den Universitäten arbeite ich dieses Semester auch mit Jugendlichen, die vor ein paar Jahren alleine nach Österreich gekommen sind. Sie unterstützten unbewusst meine Gs mit lustigen Wortkreationen wie: „Ich habe ge-iftar-t“, auf meine Deutsch-Konversations-Frage, was der junge Mann aus Somalia gestern Abend gemacht habe. Iftar bedeutet, was ich wiederum erst dieses Jahr gelernt habe, Fastenbrechen.

Sie hat mich gekorbt

Bei unserem Ausflug nach Nußdorf wenige Wochen danach erzählte uns ein Teilnehmer aus der anderen Gruppe: „Sie hat mich gekorbt.“ „Ge-was?“ fragten meine Kollegin und ich nach. Er wiederholte es zwei Mal. Wir wollten wissen: „Was bedeutet das?“ „Sie hat Nein zu mir gesagt, sie will mich nicht“, erklärte der junge Mann. Unsere Anglizismen auspackend rieten wir: „Ah ge-crop-t? Jugendwort. So wie schneiden, weggeschnitten, abgeschnitten?“

Erst nach einer ganzen Weile dämmerte es uns: Korb! Sie hat mir einen Korb gegeben – sie hat mich gekorbt.

Bis nächste Woche und ich hoffe, ihr werdet nicht gekorbt.

BD

Grußformeln und Sprachnuancen in Österreich, Deutschland und Italien

Von der Marille zur Aprikose – Sprachliche Vorurteile und Gemeinsamkeiten bei meinem Besuch in „Hochdeutsch-Land“

„Servus“ begrüßt man mich vielerorts in München. Servus! Das klingt für mich vertraut und nach zu Hause, aber ich muss auch schmunzeln. Ich würde es normalerweise nur zu Leuten sagen, mit denen ich per du  bin. Für meinen Freundeskreis ist schließlich informell „Hallo“ die üblichere Begrüßung. Aus frühen Kindheitstagen erinnere ich mich an die Mutter meiner Freundin, die wütend rief: „Zum Opa sagt man nicht Hallo!“ Mein wienerisches Baba hören dafür zum Abschied nur Personen, die mir nahestehen.

Servus und Grüß Gott sowie salve in Italien sind althergebrachte Grußformeln. Anders als ciao, das seinen Einzug in viele Sprachen gefunden hat, ist salve in Italien geblieben. Die alten Römer – und Römerinnen – wünschten es einander im Sinne von Gesundheit und Wohlbefinden. Heutzutage wird es zur Begrüßung, es ist weniger kollegial als ciao, als Mittelweg zwischen formell und informell gewählt. Die jüngeren Italienerinnen und Italiener sagen „Salve prof“ zur Lehrkraft und „Salve coach/Mister“ zum Trainer im sportlichen Umfeld. Zur Verabschiedung hört man salve im Rom der heutigen Zeit eher nicht mehr.

Als ich im Süden Münchens in einem kleinen italienischen Restaurant saß und ein spätes Mittagessen zu mir nahm, lachte ein Gast über jemanden, der „Buona sera“ sagte. Woraufhin der Kellner aus Süditalien prompt richtigstellte: „Sobald Mittag vorbei ist, kann man es sagen.“ Allerdings eher im Süden Italiens, wobei es im Norden wie bei uns sprachlich an den Abend gebunden ist. Um diesen Unannehmlichkeiten und Verwirrungen der Grüße zu entgehen, gibt es in vielen Unternehmen in Österreich einfach das klassische „Mahlzeit“ den gesamten Tag über, auch dann, wenn niemand isst und es eigentlich völlig unpassend ist. Wir machen es wie die jungen Italienischsprachigen, die sich nicht zwischen formell und informell und der passenden Tageszeit entscheiden möchten.

Es war nicht immer voll nice

Wie nice etwas sei, hört man leider sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Um die Erlebnisse mit der Deutschen Bahn während meines fast sechswöchigen Aufenthalts bei unserem Nachbarn festzuhalten, könnte man ein eigenes Buch herausbringen. Ich möchte die Worte einer Schaffnerin wiedergeben: „Entschuldigen Sie das Durcheinander. Bahnfahren ist immer spannend und für Überraschungen wird gesorgt.“

Was mich hingegen weniger erheiterte, war der Plural „Nächste Halte“. Um mich zu beruhigen, sage ich mir, dass das Wort Haltestellen einfach vom zu kurzen Display abgeschnitten wurde. Innere Schreikrämpfe lösen die von mir sonst gelobten Wiener Linien mit der Durchsage: „Nach einer Fahrtbehinderung kommt es bei der Linie XY zu unregelmäßigen Intervalle!“, aus. Intervallen. Wo ist das N? Hört das keiner der Verantwortlichen? Die Künstliche Intelligenz ist praktisch im Einsatz von Ansagen und es rauscht deutlich weniger als früher, es wird weniger genuschelt und ich verstehe, dass man nicht alles x-mal vorlesen möchte. Aber der Dativ wäre schon angebracht. Ich melde mich freiwillig, das Wort „Intervallen“ einmal hinaufzusprechen. So weit müsste sogar die KI sein, um hier eine Unterscheidung zu treffen. Mein Sprachwissenschaftsprofessor meinte dazu trocken, als ein Student mit einer Kaszettel-Bescheinigung keuchend zu spät in den Unterricht kam, die Intervalle selbst seien nicht unregelmäßig.

Deutsch und „Österreichisch“?

Mein Umfeld fragte mich neugierig nach ein paar Wochen in Deutschland, in dem ich Deutsch unterrichtete – nicht die Deutschen allerdings – wie denn die Leute in München so seien. Eine gute Frage. Als Fremde neigen wir dazu, Länder kulturell als eine Einheit sehen zu wollen, um sie zu verstehen. Wenn man allerdings Nord- und Süditaliener, aber auch Münchner, Düsseldorfer und Berliner in einen Topf wirft, verkennt man die vielen Unterschiede. Und auch innerstädtisch oder in einer gemeinsamen ländlichen Region sind wir vielfältig. Aufgrund der gemeinsamen Sprache und der deutschen Medien, die ich von klein auf konsumiere, ist es für mich schwer, konkrete Unterschiede zu „meiner Kultur“ zu benennen. Und damit wahrscheinlich auch, mich passend zu verhalten. In Portugal oder Italien betrachtete ich die dortige Welt staunend und versuchte, Teil davon zu werden. In Deutschland – und ich kann mir vorstellen, Menschen aus Deutschland in Österreich geht es ähnlich – neigt man dazu, die subtilen Unterschiede nicht so stark zu bemerken. Denn man wird (was die Wörter und Sätze betrifft) verstanden. Das Gefühl ist ein anderes, aber durch die sprachliche Nähe ist die Kultur für mich weniger greifbar, schwerer zu beschreiben. Es gibt zum Teil andere Regeln der Kommunikation, die – spricht man dieselbe oder eine sehr ähnliche Sprache – oft nicht erkannt werden, was zu Missverständnissen führen kann.

Aufgrund der Mobilität im eigenen Land ist es auch nicht mehr so, dass nur ein bestimmter Dialekt in einer Stadt gesprochen wird. Nach der Schrift, in der Standardsprache, spricht jedenfalls von Hamburg bis Wien, Ödenburg und Bozen niemand. Bis auf Deutsch-als-Fremdsprache-Lernende vielleicht. Es gibt also doch kein Hochdeutsch-Land. Die Schrift kam auch nach dem Wort, was bei diskreditierenden Aussagen über österreichische Dialekte bedacht werden sollte – diese kommen meist von Deutschlernenden, die denken, sie würden in Österreich oder in der Schweiz nicht das „ordentliche“ oder „richtige“ Deutsch lernen. „Da können wir nichts für“, meine ich dazu nur. Ärgerlich sind Artikel oder Webseiten mit Titeln wie „Übersetzung Deutsch-Österreichisch“ oder „Österreichische Wörter auf Deutsch“. Hier muss zwischen Standardsprache Deutsch Varietät Österreich, Schweiz, Deutschland und (nationale Grenzen nicht respektierenden) Dialekten unterschieden werden. Mit dem süddeutschen Raum verbindet uns jedenfalls sprachlich sehr viel.

Aprikosenkuchen oder Marillen-Datschi?

Bairisch oder bayrisch?

Schreibt jemand bairisch mit i statt y, ist nicht davon auszugehen, dass die Rechtschreibkenntnisse versagen. Sondern, dass bairisch als Dialektgruppe gemeint ist. Eine Dialektgruppe der Hochdeutschen Dialekte. Bairisch umfasst Ober- und Niederbayern, Oberpfalz, Österreich bis auf das alemannische Vorarlberg, Südtirol und einige weitere Regionen. Deshalb auch die sprachliche Nähe zu Bayern. Sehen Sie dieser Tage auch die Olympischen Spiele? Hoffentlich live und nicht entsprechend dem neuesten Marketing-Gag im „Re-Live“. Entweder etwas ist live oder nicht. Doch zurück zu den Spielen. Vor fast genau 200 Jahren setzte König Ludwig I., der ein großer Verehrer Griechenlands war, per Anordnung die Schreibweise Bayern mit dem griechischen y durch – davor hatte es mehrere Schreibweisen parallel gegeben.

Wie in diesem Standard-Artikel erklärt, in dem sich eine Studie mit den Strukturen im Englischen beschäftigt, kooperieren wir also lieber mit Menschen, die ähnliche Satzstrukturen verwenden. Das ist ein interessanter und eher unbewusster Aspekt, der über die Verwendung bestimmter Wörter hinausgeht. Die Beobachtung zeigt, dass bei Kindern und Jugendlichen Merkmale der hiesigen Aussprache und Wörter mit jenen Deutschlands bereits stark gemischt werden. Ganz einfach „Das ist Deutschland-Deutsch“ zu sagen, ist nicht immer korrekt. So wird „laufen“ für „gehen“ auch in Deutschland nicht überall synonym verwendet und die Dame in der Konditorei am Schliersee bot mir ein „Marillen-Datschi“ an, während der Supermarkt 1 km weiter Aprikosen verkaufte. Dazu kommt, dass sprachliche Einflussnahme nicht nur einseitig ist und auch in Deutschland der „Schanigarten“ konzeptuell und sprachlich immer beliebter wird.

Kürzlich las ich in der Übersetzung eines Buches „Er war etwas besserer Dinge“ – ich bezweifle, dass man guter Dinge als Redewendung steigen darf – sowie „bereiter als je zuvor.“ Ich bin jedenfalls besonders guter Dinge und bereiter als je zuvor, mich noch oft in diesem Jahr in einen Schanigarten zu setzen und ich hoffe, Ihnen geht es genauso.

Du likest Weihnachten?

Du likest Weihnachten?

Von un-weihnachtlichen Werbungen, un-kultigen Kultursendungen und davon, was auch in anderen Sprachen alles kaputt gehen kann

Ob im Radio (ich höre seit Jahrzehnten fast nur Gerda Rogers‘ Sternstunden, bei denen es zum Glück keine Werbung gibt) oder vor YouTube-Videos: Werbesprüche erreichen unsere empfindlichen Ohren.

Leider auch diese zwei Perlen, bei denen es nicht hieß „Bei einem Ohr ‚rein, beim anderen raus“, sondern: *graus*. (Ihr verzeiht die ö3-Chattersprache passend zum Thema.)

„Du likest Weihnachten? Du likest Online-Shoppen?“

Sowohl inhaltlich (Weihnachten => Online Shoppen, liebreizend) als auch sprachlich (Social-Media-Denglisch) versetzt mich diese Werbung nicht ins adventhafte Frohlocken.

Ähnlich anspruchsvoll und ansprechend fand ich auch die nächste Werbung:

„Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“

Sollte es zu Hause auch daheim heißen? Kann man daheim (nicht) zu Hause sein? Oder eher zu Hause nicht daheim?

Zumindest wurden keine Anglizismen randomly hineingeworfen.

Während einem meiner Lockdown-Spaziergänge mit einer Freundin, die Englisch unterrichtet (expert), versuchten wir, festzustellen, wann Anglizismen stören und wann sie unsere Sprache bereichern. Es trifft, und das gilt für alle Sprachen, das zu, was auch kürzlich ein Germanistikprofessor zu dem Thema sagte: Wenn es keine (passende) deutschsprachige Entsprechung gibt. Das heißt: Wenn uns das Wort in unserer Ausdruckweise bereichert. Das ist natürlich teilweise subjektiv. Aber „Ich muss ‚was announcen.“ und „Likest du Weihnachten?“ ist nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv grässlich.

Es gibt aber auch Erheiterndes in den Medien. Wie der Postillon-Artikel entrüstet zum Thema korrekte Sprache satirisch betitelte: „Weihnachtsreifen heißen jetzt plötzlich Winterreifen.“

Englisch. Die meisten werden während des Schulunterrichts mit der listening comprehension gequält worden sein. Rauschen, Dialekte, Nuscheln, Straßenlärm, Sich-gegenseitig-Unterbrechen und schnellgesprochene Halbsätze: eine etwas zu authentische Hörsituation. Der Traum eines jeden Lernenden. Doch ich kann jene, die ein Trauma davongetragen haben, beruhigen: Es ist nicht besser geworden. Die Qualität ist dank der neuen Medien zwar besser, zu leise aber meist immer noch. Und die Fragen wurden dafür umso verstörender. Bei den letzten eigenen Sprach-Prüfungen hatte ich das erneute Vergnügen mit dieser Foltermethode.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Taiwanesisch-Lerner. Sie hören bei der Prüfung ein taiwanesisches Radiointerview. Der Befragte, ein Experte für Landwirtschaft, erzählt von siebzehn Schafen auf einer Weide (Sie klopfen sich stolz auf die eigene Schulter, das Vokabel Weide wurde verstanden, check), die im Herbst in die Stallungen geführt und vom Tierarzt untersucht werden.

Konzentriert und aufgeregt hören Sie dem sechsminütigen (klingt wenig, ist aber auf Taiwanesisch viel) Gespräch zu. Um rasch die Fragen dazu zu beantworten. Nun kommen die Fragen zu diesem Teil und sie lauten (wir denken konzentriert an die Schafe beim Tierarzt):

„Mit welchem Adjektiv würden Sie die dritte Frage des Interviewers beschreiben?“

„Könnte eine Kuh im Nebenstall gewohnt haben?“ (Es gibt nur eine richtige Antwort.)

und:

„An welche Romanfigur denkt der Landwirt bei seinem Lieblingsschaf nicht?“

Willkommen bei der Hörkompetenz und ich gratuliere hiermit allen Menschen, die je offizielle Sprachprüfungen ablegen mussten.

Deshalb ist auch das Telefonieren in der Fremd- oder Zweitsprache die schwierigste Art der Kommunikation. Körpersprache und Mimik fehlen und es gibt akustische Störfaktoren. Schon in der selben Muttersprache (= Erstsprache) kommt es oft zu Missverständnissen, wie uns in der Straßenbahn oft geräuschvoll und wiederholt mitgeteilt wird.

Deshalb gibt es zum Buchstabieren auch die Buchstabiertafel. Zum Ansagen der „bemmischen“ (böhmischen) Nachnamen zum Beispiel. Grundsätzlich gut, aber: Nur, wenn man die Tabelle kann oder weiß, dass sie existiert. Es wurde schon öfter von dem netten unterbezahlten Callcenter-Herren (ich gebe zu, es sind meist Damen) in Polen, Holzhausen oder vielleicht Mistelbach „Barbara Dora Victor Oran“ und ähnlich Sinnloses notiert.

Ein Freund schickte mir den Artikel „Buchstabiertafel wird geändert“. Ich war sofort dagegen. Wie alle, lese ich am liebsten nur Überschriften.

Ich mag nämlich grundsätzlich keine Veränderungen. Ich like sie nicht, wie man sagt. Auch nicht daheim und auch nicht zu Hause, was etwas völlig anderes ist.

Dann las ich aber doch nach und erfuhr, was ich nicht gewusst hatte, dass während der Nazi-Zeit die Buchstabiertafel geändert wurde und jüdische Namen ersetzt wurden. Mir kamen ehrlich gesagt Dora (wer heißt Dora? Dieser Fisch von Nemo?) und Nordpol (ich kenne höchstens einen Restaurantbesitzer mit dem Namen), beide D und N umranden meinen Nachnamen, immer schon komisch vor.

David und Nathan sind viel schöner und NAMEN, im Gegensatz zu Nordpol, Zürich und Co. Interessanterweise unterscheiden sich auch die Buchstabiertafeln von Österreich, Deutschland und der Schweiz untereinander (der Callcenter-Junge in Holzhausen hat also eine Ausrede).

Also: entweder nur Namen oder gleich Städte. Stadt-Land-Fluss spielende Freistunden-Schüler helfen gerne aus.

Mit Schülerinnen und Schülern lässt sich in großen Klassen gut spielen: Jede/r ist ein Buchstabe und sie stellen sich in der Reihenfolge der Wörter, die ein Kind tabellenbuchstabieren muss, auf. Kann auch mit Katzen, Wichteln, Pünschen oder Weihnachtsverwandten gespielt werden, falls genug vorhanden.

Während der Corona-Bestimmungen kommt es zu vielen Meldungen darüber, wie viele Feiernde zugelassen sind. Trost ist: es geht allen weltweit gleich. Letzte Woche las ich bei einer portugiesisch-sprachigen Freundin:

„Zu Weihnachten dürfen neun Leute ohne Probleme eingeladen werden.“

– Finde einmal neun Leute ohne Probleme.

Schön, dass der etwas belämmerte (Thema Schaf), aber trotzdem lustige Witz auf Portugiesisch und auf Deutsch geht: sem problema.

Aus dem Portugiesischen kommt übrigens sprachlich recht wenig, wir sind leider doch weit voneinander entfernt, aber etwas Bedeutsames: unsere Marmelade nämlich, pt. marmelo (Honigapfel/Quitte).

Doch auch die portugiesisch-sprachigen Länder haben nicht allzu viele Germanismen. Dafür aber den Hamster, o hamster. Wir haben auf Deutsch auch das Verb dazu: „hamstern“ – und im Corona-Jahr ganz ganz wichtig: Hamsterkäufe. (Würde ich jetzt zwei Hamster kaufen, wären es auch Hamsterkäufe trotz der niedrigen Hamsterzahl, was sich dann aber schnell ändern könnte.)

Coronasprache. Gestern stand im ORF-Teletext (grundsätzlich Lob für das Thema Sprache): „Corona verändert Wortschatz (haben wir hier bereits festgestellt). Kein anderes Thema hat den Wortschatz heuer derart stark geprägt. 1.000 neue Wörter und Wortverbindungen hat das Leibnitz-Institut für deutsche Sprache gesammelt.“ Sehr interessant! Eigenartig finde ich den Zusatz „heuer“, wichtiger wäre doch der Vergleich zu anderen Jahren und Ereignissen.

Welche Sender schauen wir außer ORF? Arte. Arte? Arte hat den Ruf, ein Kultursender zu sein. Kürzlich starb Diego Maradona. Also sendete Arte zwei Reportagen dazu. Ich habe nur einen kurzen Teil der ersten aus dem Jahr 2006 gesehen. Mich überkam ein ähnlich warmes, behagliches, wohlig schönes Gefühl wie bei dem Liken von Online-Shoppen. Ein „lustig-zynisch-keine-Beziehung-zu-Fußball-habender“ Sprecher sagte zu Maradonas Erfolg bei Napoli:

„Endlich haben die einfachen Süditaliener, die Terroni

– wortwörtlich Erdmenschen/Erdfresser, diskriminierender Begriff, verwendet von Norditalienern der ganz rechten Seite, nicht die rechte Seite am Fußballplatz ist gemeint (kann im Spaß als Schlagabtausch zwischen Italienern vielleicht verwendet werden, das war’s dann auch) –

… jemanden zum Anhimmeln gefunden.“

Danke Arte für diese kulturell tiefschürfenden Erkenntnisse. Sie erinnern an eure großartige, geschmackvolle „Love Rituals“-Reihe mit der gebildeten Kultur- und Sexexpertin Charlotte Roche in Israel, Japan und anderen Ländern.

Es ging beim Thema Maradona noch weiter. Thema Gewalt am Fußballplatz:

„(…) Gewalt, die für Südamerika, wo Armut und Chaos Hand in Hand gehen, so typisch ist.“

Ein schönes sprachliches Bild, in dem Armut und Chaos Hand in Hand gehen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Ich gehe auch gerne Hand in Hand mit dem Chaos, hebräisch balagan, das seinen Ursprung übrigens wiederum in der mittelalterlichen Unterhaltungsform der Commedia dell’arte hat.

Zu guter Letzt ein erheiternder Germanismus im Englischen, den ich netterweise erhalten habe. Ich finde übrigens natürlich, es gibt auch schöne Anglizismen im Deutschen.

„The washing machine is suddenly kaput.“ 🙂

Oder auch: „Her marriage went kaput.“

Ganz selten lässt sich sogar das Wortbildungsprodukt kaputness finden! Great.

„The latest celebrity schism moved further toward official kaputness when Carmen Electra filed for divorce from rocker Dave.“

Gerade in enden-wollenden Beziehungen (zwischenmenschlich oder mit Waschmaschinen) dürften sich kaput und die kaputness bewähren.

Kurz vor dem Ende: Falls es hebräisch-studierende Japanologen unter euch gibt: Ich hörte in der Serie das Wort muzukashii (難しい), schwierig, auf Japanisch und es erinnerte mich sehr an hebräisch schwierig: kashe (קָשֶׁה).

Woraufhin ich mich in spannenden Blogs zur japanischen Sprache verlor und sah, es gab vielleicht (wenig aber doch) Einflüsse aus dem Hebräischen. Ob es Zufall oder Verwandtschaft ist?

Ich werde es wohl nie erfahren. Ich habe dafür aber sehr interessante Seiten zu dieser aufregenden Sprache gefunden, falls jemand in Nach-Lese-Stimmung ist:

Ein Blog zum Japanisch- und Kanji-Lernen.

Die Japantimes zum Thema Sprache,

und: Judaism & Japanese Culture, und noch ein Blogeintrag zu allen Ähnlichkeiten und dieser Theorie.

Ich hoffe, ihr habt die heutige Lektüre geliket. Geliked. Geleikt. G’leigt … und wünsche eine wunderschöne Woche.

Barbara Berta Anton Richard

Tokio 2019