Wir schmusen international – ein Wort auf Weltreise

Wir schmusen international – ein Wort auf Weltreise

Was „schmusen/schmoozen“ auf Deutsch, Jiddisch und Englisch bedeutet, woher es kommt und wann schmusen auf der Firmenfeier erlaubt ist.

„Und, habt’s ‚rumg’schmust gestern?“

Im Deutschen verwenden wir diesen Ausdruck umgangssprachlich für knutschen, liebkosen, streicheln, umarmen. Aus (hoffentlich) jüngeren Jahren kennen wir die Beschreibungen „auf der Party wild/ur herumschmusen“, was meist zwei küssende, sich umarmende Personen und zu viel Alkohol beinhaltet. Auch die Schmusedecke der Babys, Katzen (und selbstverständlich der von Linus der Peanuts) ist allen ein liebgewonnener Schmuse-Begriff geworden.

Wenn Kollegen und Kolleginnen, Chefinnen, zufällig Anwesende und Praktikanten etwas zu viel erwischt haben und die berüchtigte Firmen(weihnachts)feier (üblicherweise in Nicht-Corona-Jahren) in vollem Gange ist, kommt es – heimlich oder vor allen – auch hier zu Schmusereien. Öfter, als man glauben sollte.

Im Nachhinein meist etwas peinlich – falls man sich daran erinnern kann.

Im englischen Sprachraum ist das ganze weniger unangenehm und wird sogar geplant.

„I’ll have to schmooze to save my job.“

Es ist abends und ich sehe die Netflix-Serie „Love“ über zwei Mitdreißiger in Kalifornien, die fast nichts richtig machen und sich trotzdem über viele Umwege und skurrile Eskapaden irgendwie glücklich verlieben. Weil ich sie im Original sehe und die Untertitel einblenden lasse, schrecke ich auf, als ich diesen Satz höre und lese. Die Protagonistin Mickey ist auf dem Weg zur Firmenfeier. Sie hat ihren Chef verärgert und muss es irgendwie gut machen.

„I’ll have to schmooze to save my job.“

Ich drücke auf Pause. Besonders glücklich macht es mein germanistisches Ich, ’schmooze‘ tatsächlich mit „sch“ geschrieben zu lesen.

Auf Englisch bedeutet ‚to schmooze‘ (übrigens ebenfalls umgangssprachlich verwendet) allerdings nicht herummachen/knutschen, sondern tratschen (chat), sich anbiedern:

Talk with someone in a lively and friendly way, typically in order to impress or manipulate them.

– Was natürlich auf Firmenfeiern vollkommen normal ist. 😉

Interessanterweise sagt uns der Duden, dass es auch im Deutschen diese Bedeutung des Worts „schmusen“ gab: sich bei jemandem anbiedern, jemandem schmeicheln wie z. B. dem Chef schmusen. Ich glaube, sie in dieser Weise einmal bei meiner Großmutter gehört zu haben und daraufhin Witze gerissen zu haben, bin mir aber nicht sicher.

Gemeinsame (Sprach-)Wurzeln

Befragt man die englisch- oder deutschsprachigen Etymologien dazu, bekommt man spannende Anworten:

Deutsch:
In der Umgangssprache allgemein verbreitet. Zugrunde liegt Hebräisch „Erzählung, Kunde, Gerücht“ auf dem nun in der Bedeutung auch „Geschwätz, Schmeichelei“ beruht. Wie viele Worte ist es über Rotwelsch Schmus (Erzählung, Geschwätz) Teil der Alltagssprache geworden. Seit dem 18. Jahrhundert verwenden wir dieses Verb ’schmusen‘ als sich anbiedern, zärtlich sein.

(Amerikanisches) Englisch:
Das Wort wurde im späten 19. Jahrhundert aus dem Jiddischen ’schmuesn‘ übernommen. Mit Ursprung im Hebräischen: ‚שמועות‘ zu Deutsch: Gerüchte (was gehört wurde). Ursprünglich wurde dieses Wort in der jiddischen Bedeutung ‚chat‘ im Englischen verwendet. Die Bedeutung hat sich auch verändert, eigentlich erweitert. Heutzutage ist damit auch ’network‘ gemeint. Außerdem kam zur intransitiven Verwendung auch die transitive dazu: nun können wir ’s(c)hmooze somebody‘ oder ’schmooze with somebody‘. Geschrieben wird es mit und ohne „c“ in „sch“.

Wie wir sehen, oder in diesen Fällen vor allem hören, arbeitet die Sprache kreativ. Es müssen meist keine neuen Wörter gebildet oder gefunden worden. Vorhandene Begriffe werden in ihrem Bedeutungsspektrum erweitert. Zu „netzwerken“ (was im Deutschen so noch nicht wirklich gut klingt) war immer schon sehr wichtig. Heutzutage spricht man allerdings viel darüber, über das Sprechen.

Alles paletti?

In einem der nächsten Beiträge geht es um ‚paletti‘, das in Italien völlig unbekannt ist und dessen Ursprung auch im Hebräischen vermutet wird. Und um den „Zoff“, (derzeit eines der Lieblingswörter der Jugendlichen), der von Hebräisch (schlechtes) Ende kommt: סוף

.סוף Ende.

Nachtrag: Ein Ausflug zum Trottel, mit dem man besser nicht schmust.

Thema meines vor wenigen Tagen geführten Telefonats (in Wahrheit Sprach-WhatsApp-Nachrichten) waren Corona-Sperrstunden mit meiner sizilianischen Freundin.

In Italien (wie übrigens auch Portugal) gelten sie ab 23:00, in Österreich ab 20:00. Ich sagte zu ihr: „Ihr habt es gut! Bis elf, da ist immerhin mehr Zeit.“ Sie entgegnete: „Ja, das bringt auch nicht viel. Es ist Winter, kein Mensch auf der Straße. Mein Sohn hat sich mit seiner Verlobten ins Auto gesetzt und ist herumgefahren. Absolut unsinnig, im Kreis durch die Innenstadt, „come una trottola!“ – wie ein Kreisel. Wir beide mussten lachen. Wie ein Trottel, hätten wir dazu wortwörtlich gesagt.

Ich bin seitdem fest überzeugt (Frau Rogers würde sagen: Ich bin sicher überzeugt <3), unser Trottel kommt nicht vom ‚trotten‘ (woher das kommt, weiß niemand) sondern von ital. ‚trottola‘. Denn die Herkunft ist, so steht es geschrieben, nicht sicher geklärt. Nun wäre sie es. Gern geschehen.

Buona giornata! !יום טוב

Schönen Tag!

Und bis nächste Woche.

Schmusekatzen

Gleichzeitigkeit

Gleichzeitigkeit

20160720_140151.jpgVento d’estate. Io vado al mare, voi che fate?

Vor Kurzem, genauer gesagt vor etwa einer Woche, war ich auf einem Bauernhof in Obervierschach. Daneben eine Kuh. Wir gingen durch den Zauberwald und bei der Lichtung sprang ein Reh etwas erschrocken aber auch fröhlich den Weg hinauf. Dann begann es zu regnen. Vor dem Quartier eine liebe flauschige Katze mit rundlichem Gesicht.

Nun bin ich an der Amalfi-Küste und die räumliche Distanz ist gleichzeitig auch eine innere. Als wäre das Ich in Südtirol ein anderes Ich. Schwer zu beschreiben. Schwer zu begreifen.

Und trotz dieser Entfernungen trage ich beides in mir: alpiner Bauernhof und südliches Leben. Kindheit. Frühes Erwach(s)en in Lissabon. Sizilien.

Auch wenn die gleiche Sprache gesprochen wird, die gleichen Medien konsumiert werden, so erscheinen mir doch Nord- und Süditalien als zwei unterschiedliche Länder. Dialekt, Gastronomie, soziale Interaktion, Züge, Klima.

Eine weite Reise.

So viel gäbe es noch zu berichten… von den Lauben und den Bergen Bozens, dem Winter- und Sommerweg Sissis entlang des Flusses in Meran, den engen Gassen und bunten Häusern, der Arena Veronas und dem wilden Treiben, der stechenden Sonne, den wunderschönen, großen kühlen Kirchen Neapels.

Alleine die heutige zweistündige Fahrt mit der S-Bahn (von einer verlassenen Vorstadthaltestelle Neapels bis nach Vietri, wo dem Besucher ohne Vorwarnung das unglaubliche Panorama präsentiert wird…) wäre eine eigenes Kapitel wert.

Als wäre es eine lange Zeit, die ich mich auf Reisen befinde, sind es doch nur neun Tage. Das mag an den vielen besuchten Orten, vor allem aber auch an mir selbst liegen. 

Spital, Millstatt, Lienz, Innichen (Obervierschach), Eppan, Bozen, Meran, Gardasee, Verona, Neapel, Vietri.

Vietri sul Mare, mit einem fantastischen Blick auf das nun schwarze Meer, darüber der große dunkelgelbe Mond, Sterne und Mars.

In Gleichzeitigkeit.

Der Sternensee

Der Sternensee

20160712_181940desiderio

Am Millstätter See ins kühle Wasser gesprungen.

Mitternacht am Balkon… dem Plätschern des Baches und der Stille gelauscht. Eine Sternschnuppe!

Südtirol, Kuh und Katz, ein Reh auf der Lichtung, Dolomitenspitzen und Vergissmeinnicht.

Regen und Sonne spielen Fangen. Ihre Zuschauer: die Wolken und wir.

Es wird Abend.