Eine sprachliche Entdeckungsreise zur Schreibweise

Es ist spannend zu beobachten, wie Wörter und unter ihnen vor allem (Eigen-)Namen aus anderen Sprachen und Ländern schriftsprachlich umgesetzt werden. Dabei sticht für mich B/K/S (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Montenegrinisch) besonders hervor. Hier lautet das sympathische Credo: „Schreib, wie du sprichst“. Während die Grammatik für Lernende zum Verzweifeln ist und auch mit einem recht sattelfesten Vokabular ohne das grammatikalische Wissen kein korrekter Satz gebildet werden kann – außer es gelingt ein Zufallstreffer –, so sind Wörter sehr gut lesbar. Die richtige Aussprache beim Lesen stellt für Lernende keine größere Schwierigkeit dar. In Zagreb, das geschichtlich besonders viel deutschsprachigen Einfluss erlebt hat, las ich im Lokal auf einem Schild zur Getränkeauswahl „Gmišt“ und „Špricer“. Germanismen lassen sich sehr viele finden. Auch meine Freundin aus Bosnien erzählt, ihre Mutter verwendete schon in den 80er-Jahren bereits einige Wörter, von denen sie selbst erst Jahre später, nach ihrer Ankunft in „Beč“ (Wien) erfuhr, dass sie aus dem Deutschen kommen. Kürzlich erhielt ich ein Foto eines Wäschegeschäfts in Serbien mit dem Schild: „Veš“. Wir kennen in Österreich die „Wäsch‘“. Allerlei Praktisches gibt es darüber hinaus: Reißverschluss: „rajsferšlus“ und Schraubenzieher: „šrafciger“. Der österreichische Kronleuchter, also der „Luster“, wird mit stärkerer „r“-Aussprache zu „luster“. Die Palatschinken haben wir wiederum eingedeutscht.

Zum Thema Schreibweise gibt es auch eine unterhaltsame Aufzählung, die zeigt, wie diverse Sprachen in Europa „Sandwich“ schreiben, alle, wie auch das Deutsche, sehr ähnlich dem Original: sandwich, sándwich usw. Und B/K/S? Ganz einfach: „sendvič“. Falls auch Sie jetzt Hunger bekommen haben, es gäbe auch noch „pomfrit“. „Ekstra!“(Super!) Als Kind lernte ich in der Schule in der Leopoldstadt schon einige Wörter von meinen Mitschülern, natürlich vor allem das Fluchen, das allgemeinsprachlich etwas lockerer als im Deutschen gehandhabt wird. Fluchen in einer Fremdsprache ist bekannterweise beliebt, es klingt für das eigene Ohr weniger beleidigend oder vulgär, wobei es aus meiner Erfahrung Touristen und frische Erasmus-Stipendiaten in Italien und Portugal mit ihrem neu erlernten Wortschatz auch übertreiben können.

Wir fluchen nicht – nicht immer

Vor ein paar Jahren wurde ich von meinen dreizehnjährigen Schülern gefragt, warum sie nicht fluchen sollten. Ich dachte nach. Warum eigentlich nicht? Zum einen wegen der Aussage des Gesagten. Kinder und Jugendliche verwenden oft Schimpfwörter, deren Bedeutung sie nicht kennen – beziehungsweise geben sie ihnen unwissentlich eine neue, meist viel harmlosere Bedeutung. Es ist sinnvoll, nachzufragen: „Was meinst du damit?“ Ich erklärte dann die eigentliche Bedeutung ihres Schimpfwortes und die Antwort war stets: „DAS wollte ich damit nicht sagen.“ Angenommen ein politisch korrektes Fluchen oder Beschimpfen wäre möglich, warum soll man es nicht tun? Ich argumentierte, weil man dadurch ein bestimmtes, negativ behaftetes Bild von sich erzeugt (außer man ist Mozart) und weniger Chancen im Leben hat. Die Wort- und Gedankenwahl ist für unser Leben wichtiger, als uns im Alltag bewusst ist. Manchmal ist es aber auch erlaubt zu fluchen, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen, etwa wenn der Lift stecken bleibt, der Geschirrspüler den Geist aufgibt, das Handy Anlauf nimmt und auf den Steinboden springt oder man sich im (unvorteilhaften) Morgenmantel aus der Wohnung aussperrt.

Freudsche Versprecher auf französischen Dates

Doch nun zurück zur Schreibweise: Das Lesen der hebräischen Schrift ist im Gegensatz dazu sehr herausfordernd und sobald mein Lernbuch dazu übergeht, die Vokale nicht mehr anzuzeigen (zu punktieren), komme ich bei vielen Wörtern ins Schwitzen. Für fremdsprachige Wörter aus dem Deutschen oder Englischen gelten einige Regeln, zum Beispiel wird für das „A“ ausschließlich der Buchstabe Alef und nie Ayin verwendet. Sonst wird zum Glück jedoch geschrieben, wie gesprochen wird. Der Psychologe Freud wird somit zu „Froid“ – פרויד. Auch im Deutschen würde in diesem Fall diese Schreibweise Sinn machen, unsere Sprache nahm jedoch sprachgeschichtlich einen anderen Weg. Wer französischsprachige Nachrichten liest (ich nicht vorsätzlich), weiß in diesen Tagen auch, dass „Putin“ dort „Poutine“ geschrieben wird. Auch hier richtet sich also die Schreibweise nach der jeweiligen Aussprache.

Freudsche Versprecher können besonders leicht während einer romantischen Verabredung passieren. Aus dem „Rendezvous“ ist mittlerweile das „Date“ geworden. Schade eigentlich, denn das Rendezvous gibt es fachsprachlich sogar in der Raumfahrt bei der Ankopplung zweier Fahrzeuge. Andererseits ist das Schreiben von Wörtern französischen Ursprungs damals wie heute eine „Challenge“ (Österreich-Englisch sprich: „Tschällensch“).

Letzte Woche ging ich zwei Mal ins Kino, es waren keine Rendezvous. Ich sah zuerst einen Film aus Israel im Rahmen der jüdischen Filmwochen, in dem es um die Frau in der Arbeitswelt ging, das zweite Mal einen Blockbuster, in dem es um Sandra Bullock im Dschungel ging. Dementsprechend unterschiedlich war die Werbung davor. Zeitungen und Kultur vs. Fast-Food und zuckerhaltiges Getränk, das laut einer urbanen Legende alles innerhalb weniger Minuten säureartig auflöst. Unter die erste Kategorie fiel die Werbung eines „linearen“ (diese Bezeichnung ist mir neu) Fernsehsenders, den ich öfter als Jugendliche einschaltete und von dem ich hoffe, er bleibt uns weiterhin erhalten. Mein entzündetes Auge musste das in seiner Werbung eingeblendet Wort „Colture“ lesen. Ich vertrete die Meinung: Besser „fades“ Deutsch als Fantasie-Englisch. Die sprachliche Korrektheit leidet zusätzlich sehr unter dem allgemeinen Zeitdruck und der Schnelllebigkeit von Social Media. Sobald ein gesponserter Beitrag veröffentlicht worden ist, nutzen nachträgliche Korrekturen nicht mehr viel. Besser einmal darüber schlafen und erneut lesen, damit kein „Schmafu“ herauskommt. Schmafu kommt auch aus dem Französischen, ausnahmsweise mit schön einfacher Schreibweise. Er kommt von „Je m’en fous“ (Bedeutung: Es ist mir egal). Ähnlich wäre im Englischen „Snafu“, aus der nordamerikanischen Soldatensprache, scherzhaft „Situation Normal, All F*(wir fluchen nicht) Up“. Im Deutschen haben wir das ebenfalls ironische Pendant dazu: „Operation geglückt. Patient tot.“

Schön die Augenblicke, in denen man sich echauffieren (von franz. échauffer, erhitzen) darf über: falschgeschriebene Wörter, zu viele Anglizismen, zu viele Germanismen oder zu viele Französismen (gut, sie heißen Gallizismen), die scheinbar unendlich vielen – es sind sieben – Fälle von B/K/S und fluchende Jugendliche. Da wir durchatmen müssen, tut uns manchmal die gedankliche Beschäftigung mit dem Kleinen, dem „Pipifax“ und „Schmonzes“ doch im Herzen gut. Ich schließe mit einem Zitat aus der Süddeutschen Zeitung 1995: Und was den Laien‑Laboranten (im US-Englischen heißt der Laborassistent tatsächlich diener, wie verlockend) angeblich so aufgewühlt hat, ist dem Experten purer Pipifax. 

5 Gedanken zu “Wann und wo man Dr. „Froid“ und „Pomfrit“ schreiben darf und warum es in den USA „Diener“ im Labor gibt

  1. Würde Putin in Frankreich nicht Poutine geschrieben, wäre die französische Aussprache ähnlich dem Wort „putain“. Das würde bei Zeitungsleser:innen der Grande Nation wohl vergleichbare Irritation auslösen wie der Suzuki Pajero bei Spanier:innen.

    Gefällt mir

    1. Suzuki Pajero ist ein lustiges Beispiel, das wusste ich nicht. Erinnert mich daran, dass das Duschbad „Rexona“ aufgrund von Ähnlichkeiten mit einem gewissen Wort damals in Portugal umbenannt wurde.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s